Gestern war mein letzter

Das war’s. Gestern habe ich meine Fortbildung im Bereich Journalistik gekündigt. Das Deutsche Journalistenkolleg war echt kulant. Laut Vertrag hätten es auch 6 Monate abrechnen dürfen. Ende des Monats ist jetzt Schluss. Bilanz: Ich denke, ich war ziemlich fleißig und habe zwei Monate ziemlich Gas gegeben.

Trotzdem lief es nicht wirklich gut. Ende Januar trafen Studienbrief ein. Das Wort Brief ist ernst gemeint. Es waren wirklich Drucksachen. Da staunte ich nicht schlecht, als der große Karton per Post kam. Mein Fehler, als EDV Mann komme ich gar nicht mehr auf die Idee, dass Gedrucktes heute in der aktuellen Lehre noch Verwendung findet. Ich habe mir 6 Studienbriefe in der empfohlenen Reihenfolge vorgenommen. Acht weitere hätten noch folgen sollen. Als Hausaufgabe soll man zwischen 15 und 20 Fragen in einem Onlinetool zu jedem Studienbrief beantworten. 10 Stück sind Multible Choice. Sollte zu schaffen sein, wenn man den Text kennt. Dann 3 bis 4 Fragen aus dem Skript. Nenne die 5 Kriterien, die… Typische Kontrollfragen eben, wie früher in der Klassenarbeit.

Größtes Hindernis dabei, die Skripte gibt es ja nur in ausgedruckter Form. Also den Text abschreiben und etwas umformulieren. Der Tutor möchte ja nicht immer den gleichen Wortlaut lesen. Meine Tochter (13) würde sich über solche simplen Aufgabenstellungen bei ihren Lehrern freuen, ich bin da eher skeptischer. Was lerne ich beim Abschreiben? Gedächtnistraining ist ja bei einem Fernlehrgang witzlos. Geht es nicht im modernen Lernen um das Vernetzen und kreative Anwenden von Information? Die Information an sich steht dabei die ganze Zeit abrufbar im Netz zur Verfügung. Oder hat bei euch auf der Arbeit schon mal jemand gesagt, für diese Aufgabenstellung darfst du das Internet nicht nutzen? Zugegeben, in der gewählten Form ist die Korrektur leichter, eine individuelle Form macht die Beurteilung des Ergebnisses viel aufwändiger.

Das Onlinetool zeigt zusätzlich nur zeitgleich drei Zeilen meiner Antwort zu der gültigen Frage. Dann heißt es scrollen. Also, die Antwort erst in Word vorformulieren und dann per Zwischenablage ins Tool übertragen. Ich nutze zum Schreiben meines Blogs einen (kostenlosen) WordPress Editor mit Rechtschreibprüfung und vielfachen Formatierungsfunktionen. Das ist heute Stand der Technik. Nichts davon konnte ich im Onlinetool wiederfinden. Die Entstehung der Studienbriefe und damit vermutlich auch der Onlinefunktionalität lautet auf die Jahre 2009 bis 2011. In unserer digitalen Welt ist dies eine lange Zeit. Und es ist ein Irrtum, wenn es heißt, das Internet vergisst nie. Es ist schon erstaunlich, wie viele URL nach 10 Jahren nicht mehr funktionieren.

Bleiben noch 3 bis 4 echte Fragestellungen. Diese fand ich aber meist ziemlich unscharf (weil aus meiner Sicht zu kurz) formuliert. Ich möchte ehrlich sein, hier hatte ich meistens nur Teilpunkte. Irgendwie habe ich die Frage meist etwas anders als der Tutor verstanden. Nun, liegt vielleicht am Beruf. Ich bin IT Product Owner, ich brauche meist deutlich mehr als eine Seite, um für die Entwicklungskollegen meine Erwartungshaltung zu konkretisieren. In der IT gibt es dafür zusätzlich die Erfindung des Akzeptanzkriteriens. Diese müssen gesondert zur Anforderung formuliert werden. Beispiel: Die Aufgabe gilt als erfüllt, wenn….

Vielleicht auch was für die Lehre? Leider wieder mit Nachteil für den Tutor oder mich beruflich als Product Owner. Meine Hauptsorge ist immer, habe ich alle Informationen geliefert, sodass der Kollege mir zu meiner Frage/ Anforderung die Antwort/ die Software liefern kann, die ich im Kopf habe? Versucht das mal, eine Anforderung zu beschreiben. Ist gar nicht so einfach. Meist wird viel zu viel stillschweigend vorausgesetzt und in der Formulierung vergessen. Dazu noch ein abschließender Satz aus der Informatik: Es gilt in jedem bekannten Fall Shit in, Shit out.

Nach 3 bis 4 Wochen dann das Feedback des Tutors. Eine ziemliche lange Zeit für eine Durchsicht. Mindestens für die Bewertung des multible choise Teils bedarf es keiner KI. Fiel meistens ziemlich dürftig im Sinne von kurz aus. Falls ihr an den Details Interesse habt, schicke ich gerne mal ein Beispiel. Auf alle Fälle brachte es mir für meinen weiteren Weg keine weiteren Erkenntnisse.

A010 Journalistisches Recherchieren
A030 Interviewen
A040 Journalistische Stilistik
A080 Meinungsäußernde Textsorten
M030 Onlinejournalismus
R010 Presserecht

Nun, ich glaub, so schlecht war ich nicht. Note immer zwischen 2,7 und 1,0. Ich schicke euch gerne mal die einzelnen Bewertungen, wenn es euch interessiert. Die beste Note habe ich bei A080 erhalten. Jeder der mich kennt, würde sagen: „Typisch, meinungsstark war er schon immer.“ Aber wie soll ich mich weiterentwickeln, so fast ohne Feedback? Dafür gibt es laut Kolleg die Praxiswerkstätten. 4 sind in der Zeit von 18 Monaten vorgesehen. Nun, in 2 Monaten hatte ich keinen Kontakt zum Kolleg, weder eine Begrüßung, noch Vorstellung der Tutoren, noch Einladung zu einer Praxiswerkstatt. Stil ruhte der See.

Ich spürte schon länger ein leichtes Bauchgrummeln, wollte aber keine voreiligen Entscheidungen treffen. Ich wollte mir mindestens 2 Monate Zeit geben. Nun habe ich mir überlegt, ich kaufe ein gutes Fachbuch über journalistisches Arbeiten. Vermutlich wird dies ähnlich umfangreich wie meine Chemiebücher aus dem Studium ausfallen (>1000 Seiten). Der Preis dürfte mit ca. 100 € ein Schnäppchen sein.

Bleibt die Frage, was mache ich jetzt als Nächstes? Ich arbeite dran. Wenn ihr eine Idee habt, nur zu, her damit.

Foto von Brett Jordan von Pexels

Veröffentlicht von oschlenkert

männlich, 52 Jahre, verheiratet, 1 Kind, mitten im Leben ... und dann kam der Schlaganfall.

3 Kommentare zu „Gestern war mein letzter

  1. Ich habe Deinen Abschiedsbrief gelesen, und ich glaube Du bist enttäuscht vom STUDUIM ! Du suchst eine neue Aufgabe ?. Ich habe was für Dich ! Helfe mir bei der Suche nach unseren Vorfahren. Gruß Dein alter Herr.

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