Meine Wertmarke 2027, Teil 2: Motiviert, aber ausgebremst – was Beschäftigte in Behörden wirklich erleben

In meinem ersten Beitrag zur Wertmarke ging es um Zahlen, Rankings und Portale der Digitalisierung unserer Behörden.

Mit der Wertmarke zum Schwerbehindertenausweiskönnen berechtigte Personen bundesweit den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) unentgeltlich nutzen.

Dabei habe ich eine Perspektive ausgelassen: die der Menschen, die all das umsetzen sollen. Genau die kommen jetzt zu Wort.

Der Münchner Softwareanbieter Stackfield hat gemeinsam mit dem Fachmagazin „Behörden Spiegel“ für die Studie „Behördenrealität 2026“ 1.875 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes befragt, aus allen 16 Bundesländern, von Rathäusern bis zu Bundesbehörden. Die Befragung lief vom 17. Juni bis zum 31. Juli 2026.

Viel Antrieb, wenig Rückenwind

Das Ergebnis hat mich überrascht, und zwar positiv. 83,6 Prozent der Befragten geben an, eine hohe oder sehr hohe Motivation zu haben, in ihrer Verwaltung etwas zu bewegen. Das passt wenig zum Klischee vom Dienst nach Vorschrift. Aus meiner Arbeit als ehrenamtlicher Richter am Sozialgericht habe ich einen persönlichen Eindruck. Ich erlebe Menschen (Richter), die ihre Arbeit durchweg sehr ernst nehmen.

Dem steht eine Zahl gegenüber, die mich nachdenklich macht: Nur 1,9 Prozent der Befragten sagen, dass ihre Projekte in der Regel wie geplant laufen. Große Motivation und kaum planbare Ergebnisse, das ist ein Missverhältnis.

Der Studienleiter Martin Opercan fasst es so zusammen: Hohe Motivation trifft auf sehr hohe strukturelle Hürden.

Was bremst?

Am häufigsten nennen die Befragten Bürokratie und Genehmigungswege (61,5 Prozent). Es folgen Personalmangel (41,8 Prozent) und fehlende Finanzmittel (39,8 Prozent). Die Verwaltung leidet also an der eigenen Bürokratie. Der Blick auf die Ebenen zeigt zudem, wo das Geld fehlt: In den Kommunen klagen 46,5 Prozent über fehlende Mittel, in den Bundesbehörden nur gut 17 Prozent.

Was das für mich als Betroffenen heißt

Mein Bild von der Digitalisierung der Verwaltung war bisher eher technisch geprägt: Portale, Schnittstellen, Prozentzahlen. Die Studie zeigt, dass das nur die halbe Wahrheit ist.

Eine Online-Antragsstrecke hilft wenig, wenn dahinter zu wenige Menschen sitzen und jeder Schritt eine Genehmigung braucht. Mir als Schwerbehindertem nützt der schönste digitale Antrag nichts, wenn er danach Wochen pausiert.

Ein Wort zur Einordnung

Die Studie ist keine repräsentative Erhebung. Die Teilnahme war freiwillig, und Auftraggeber ist ein Anbieter von Kollaborationssoftware, der ein Interesse an genau diesem Thema hat. Als Stimmungsbild aus dem Inneren der Verwaltung finde ich sie trotzdem aufschlussreich.

Mein Fazit

Vielleicht liegt die Aufholjagd, über die ich in Teil 1 geschrieben habe, weniger an Technik und mehr an Rahmenbedingungen: schlankeren Genehmigungswegen, genug Personal, verlässlicher Finanzierung. Die Motivation ist laut dieser Umfrage jedenfalls vorhanden. Meine Wertmarke bleibt dieses Jahr trotzdem analog. Aber ich hoffe auf das nächste Jahr.

Quellen: Stackfield-Pressemitteilung vom 1. Oktober 2026, dpa-AFX-Meldung vom 29. September 2026, Studienbericht „Behördenrealität 2026“ auf stackfield.com.

Foto von Craig Adderley

Veröffentlicht von oschlenkert

männlich, 52 Jahre, verheiratet, 1 Kind, mitten im Leben ... und dann kam der Schlaganfall.

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