Die Mutter aller Laufbänder

Ich öffne mein Smartphone. Da sehe ich es. MEIN Laufband. Ich habe Anke gebeten, mir ein Bild von meinem Laufband zu schicken. Für mich persönlich, die Mutter aller Laufbänder. Es steht in der Physiotherapie der BDH Klinik in Hessisch Oldendorf. Dort war ich ein halbes Jahr lang in der Reha im letzten Jahr, direkt nach meinem Schlaganfall.

Zum angebotenen Therapieprogramm gehört viel Bewegung. Diese findet meistens im großen Physiotherapieraum im Keller statt. Am Anfang saß ich im Rollstuhl und wurde abwechselnd an einem Tag auf das Laufband gestellt, am anderen Tag auf den Ergotrainer gesetzt. Es stellte sich schnell raus, Ergotraining ist nichts für mich. Ich bin Läufer. Also habe ich mich immer bei den Laufbändern angestellt, egal was auf meinem Tageszettel stand.

Allein aufs Laufband ging aus dem Rollstuhl noch nicht. Zu dieser Zeit habe ich immer auf dem nebenstehenden Laufband trainiert. Darauf führt eine „steile“ Rampe, sodass die Therapeuten die Rehabilitanden hochschieben mussten. Die Therapeuten haben mir den halbstündigen Aufenthalt immer möglich gemacht, egal wie viel Stress gerade war. Dafür bin ich ihnen heute noch dankbar.

Auch samstags war ich natürlich auf dem Laufband. Zur Erklärung, in der Anfangszeit konnte ich durch den Lockdown am Wochenende nicht nach Hause. Also ging es alternativ aufs Laufband. Sonntag wäre ich auch gegangen, aber da hatte die Physiotherapie ja berechtigterweise geschlossen.

Natürlich war und ist mein Laufen nur ein Gehen. Am Anfang nur mit 1 km/h, inzwischen mit 4 km/h. Mein großes Ziel ist die erneute Teilnahme an einem 5 KM Volkslauf. Ich habe mal nachgerechnet, insgesamt habe ich in der Reha ca. 120 km auf den Laufbändern zurückgelegt.

Nachdem ich den Rollstuhl verlassen konnte, habe ich auch das Laufband gewechselt. Jetzt war ich auf meinem Laufband. Ihr seht auf dem Foto, es hat eine Treppe, mit Geländer zum Festhalten. Das konnte ich selbständig bewältigen. Niemanden mehr rufen müssen. Was für eine Freiheit.

Ein Problem blieb noch, die Steuerung. Nicht dieser Heckmeck mit vielen unterschiedlichen Programmen moderner Laufbänder. Sondern vier Taster für Aus, An, Schneller und Langsamer. Diese waren in einer Box auf der rechten Seite der Begrenzung in Hüfthöhe angebracht. Leider konnte ich meine rechte Hand noch nicht ausreichend gebrauchen. Am Anfang musste ich noch häufiger einen Therapeuten auf mich aufmerksam machen. Aber, wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg.

Heute habe ich ein Laufband mit allem Schickimicki im Keller. Ich kann dort während des Laufens Musik hören und Videos abspielen. Meistens Videos von virtuellen Läufen. Aber ich kann nur sagen, ich vermisse MEIN Laufband. Dieses Quietschen bei genau 2 Stundenkilometern. Ich vermisse die Beobachtung von meinem Spiegelbild im Spiegel und die Stimmung im Therapiesaal.

Dort fühlt man die Krankheit, aber auch den aufgenommenen Kampf um die Genesung. Man spürt die Frustration, wenn etwas verloren ist, was früher so selbstverständlich war. Man fühlt die Freude, wenn ein paar Schritte gelingen, die gestern noch nicht möglich waren. Man spürt das Leben.

Veröffentlicht von oschlenkert

männlich, 52 Jahre, verheiratet, 1 Kind, mitten im Leben ... und dann kam der Schlaganfall.

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