Wo Hergé sich täuschte: Seine Raketen-Illusion und die NASA-Realität

Habt ihr auch euer bisheriges Wochenende auf dem Sofa verbracht? Ich bin ein echter Nerd, das werdet ihr gleich sehen. Beim Durchblättern des gerade erstandene Hergés Mondflug-Comics ist mir etwas aufgefallen.

Der belgische Zeichner, dieser Patron der Comic-Prophezeiung, hatte nicht recht mit allem. Und der größte Fehler war nicht ein kleiner Rechenfehler, es war ein grundlegendes physikalisches Problem, das 16 Jahre später die NASA im echten Raumfahrtprogramm zum Umdenken zwang.

Das Hergé-Problem: Eine Rakete, die alles kann

In Hergés Mondflug-Comics funktioniert alles nach einem bewundernswerth einfachen Prinzip: Eine große Rakete fliegt zum Mond, landet, und startet dann wieder zurück zur Erde. So würde ein Kind einen Mondflug spielen.

Einfach. Elegant. Und dabei völlig unmöglich.

Das Szenario war folgendes: Tim, Kapitän Haddock, Professor Bienlein und der Ingenieur Wolff sitzen in ihrer imposanten Rakete. Sie zünden die Triebwerke, beschleunigen sich in den Weltraum, erreichen den Mond, landen irgendwie (die technischen Details sind nebensächlich), und dann — zünden sie die Triebwerke erneut und fliegen zurück.

Das Problem? Das funktioniert so nicht.

Die physikalische Realität: Das Treibstoff-Problem

Um zu verstehen, warum Hergé sich täuschte, müssen wir ein bisschen ausholen.

Um ein Raumschiff von der Erde zum Mond zu bringen, benötigt man eine enorme Menge Treibstoff. Ganz, ganz viel. Die Rakete muss nicht nur stark genug sein, um die Schwerkraft der Erde zu überwinden, sondern auch die Bremsmanöver durchzuführen, die Mondumlaufbahn zu erreichen, abzubremsen, zu landen und dann nochmal genug Treibstoff haben, um vom Mond wieder hochzustarten und zurück nach Hause zu fliegen.

Das ist elegant beschrieben mit den Worten ein Treibstoff-Alptraum.

Stellen wir uns vor, wir fahren mit einem Auto 500 Kilometer weit. Der Tank ist leer Jetzt müssen wir mit demselben Auto zurückfahren, ohne zu tanken. Unmöglich, richtig? Der Reise zum Mond ist das kosmische Äquivalent dieses Problems.

Die NASA-Ingenieure rechneten dies vor den echten Apollo Missionen durch und stellten fest: Wenn Sie eine Rakete bauen, die groß genug ist, um zum Mond zu fliegen und zurückzukommen, wird sie so gigantisch, dass Sie sie nicht starten können. Sie würde ihr eigenes riesiges Gewicht nicht hochbekommen.

Das sogenannte Tsiolkovsky-Raketengleichung besagt im Grunde: Je schwerer Deine Rakete, desto mehr Treibstoff brauchst Du. Aber je mehr Treibstoff Du mitnehmst, desto schwerer wird die Rakete. Es ist ein Teufelskreis.

Wie groß hätte Hergés Rakete sein müssen?

Hergé zeichnet eine beeindruckende Rakete. Sie ist imposant. Sie ist wunderbar rot-weiß gestrichen. Sie ist… aber wahrscheinlich nicht groß genug.

Um wirklich zum Mond zu fliegen UND zurückzukommen, hätte die Rakete ungefähr 10 bis 15 Mal so groß sein müssen wie die Saturn V, die die NASA 1969 tatsächlich baute. Die Saturn V war bereits 110 Meter hoch und wog 2.970 Tonnen.

Die NASA-Lösung: Das Mondlandemodul

Hier kommt der elegante Teil der Lösung. Die NASA löste Hergés Problem mit einer genial einfachen Idee: Warum nicht zwei Raumschiffe statt einem?

Das Konzept funktioniert so:

1. Die große Rakete (Saturn V) fliegt zur Erde-Mond-Bahn
2. Das Kommandomodul „Columbia“ fliegt in der Mondumlaufbahn
3. Das Mondlandemodul „Eagle“ — ein kleines, leichtes Raumschiff — setzt nur Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf die Oberfläche ab
4. Das Mondlandemodul startet wieder vom Mond (benötigt nur wenig Treibstoff, weil es leicht ist und die Mondschwerkraft 1/6 der Erdgravitation beträgt)
5. Das Mondlandemodul dockt wieder an die Columbia an
6. Nur die Columbia mit den drei Astronauten fliegt zurück zur Erde

Das Mondlandemodul sah aus wie eine silberne Spinne mit Beinen. Es war technisch ein Meisterwerk: Minimales Gewicht, maximale Effizienz, und — wichtig — es brauchte nicht zurück zur Erde zu kommen. Es wurde teilweise auf dem Mond zurückgelassen. Die Aufstiegsstufen blieben im Weltraum.

Das ist das Gegenteil von Hergés „Eine Rakete macht alles“-Ansatz.

Die Tsiolkovsky-Raketengleichung war bekannt, aber der Gedanke, mehrere spezialisierte Raumschiffe zu verwenden, war 1953 Science-Fiction-Denken.

Die Luft- und Raumfahrttechniker, die Hergé befragte, waren bereits auf der richtigen Spur, aber die konkrete Lösung mit dem Mondlandemodul kam erst später.

Die NASA brauchte Jahre von Forschung, Tests und Innovation, um zur Lösung zu kommen. Wernher von Braun und sein Team rechneten und diskutierten endlos über das beste Konzept. Sie erwägen sogar eine noch kompliziertere Lösung (Direct Ascent), verwarfen sie später zugunsten des schlankeren Lunar Orbit Rendezvous-Verfahrens.

Hergé hätte es nicht sehen können. Aber rückblickend ist es ein faszinierendes Lehrstck: Manchmal ist das Unmögliche nur unmöglich, weil man bisher nicht kreativ genug gedacht hat.

Die subtilere Lektion: Der Unterschied zwischen Extrapolation und Innovation

Hergé war ein hervorragender Extrapolator. Das heißt: Er nahm bekannte Technologien und dachte diese logisch weiter: „Wenn wir eine Rakete bauen können, dann… können wir sie größer bauen. Und wenn wir sie größer bauen, können wir zum Mond fliegen.“

Das ist nicht falsch, aber es ist etwas unvollständig. Der nächste Schritt, den Hergé damals nicht machen konnte, war Innovation: Neue Konzepte erdenken, die nicht einfach größer, sondern anders sind.

Die NASA tat genau das. Sie ersetzte die Extrapolation (eine riesige Rakete) durch Innovation (mehrere spezialisierte Raumschiffe, die zusammenarbeiten).

Das ist der tiefere Punkt: Hergé zeigt, wie weit man mit wissenschaftlicher Genauigkeit und Fantasie kommt. Aber er zeigt auch die Grenzen dieser Methode. Manchmal brauchst du nicht einfach eine größere Rakete, du brauchst ein völlig neues Denken.

Hergé hätte das wahrscheinlich geliebt

Ich stelle mir vor: Hergé sitzt 1969 vor dem Fernseher, sieht die Apollo-11-Landung, und denkt sich: „Aha! Das Mondlandemodul! Clever! Das hätte ich damals zeichnen sollen!“

Und ja, Hergé hätte das bewundert. Er war ein Mann, der Details liebte, der wissenschaftlich denken konnte, und der nicht zu stolz war zu sagen: „Ich hab das damals nicht ganz richtig gemacht.“

Die Ironie ist schön: Der Mann, der die Mondlandung 16 Jahre im voraus skizzierte, lag bei den technischen Details daneben. Und doch war sein Fehler einfach menschlich. Er konnte nicht das sehen, was noch nicht existierte.

Hergés Mondflug-Comics sind kein bisschen weniger wunderbar, weil die Physik nicht ganz stimmt. Tatsächlich machen diese Fehler sie noch interessanter.

Sie zeigen einen Künstler, der versuchte, die Zukunft mit den Werkzeugen seiner Zeit zu zeichnen. Ein Künstler, der recherchierte, der Experten befragte, der logisch dachte und dabei ein paar Fehler machte.

Das ist keine Schwäche. Das ist menschlich. Das ist die Geschichte von Innovation selbst: Wir denken weiter als andere, aber nicht so weit wie wir sollten. Dann kommt jemand anderes und sagt: „Habt ihr bedacht, dass…“

Und so funktioniert Fortschritt.

Also ja, Hergé irrte in diesem Fall. Aber er irrte auf eine so interessante und so bezaubernde Weise, dass sein Fehler wertvoller ist als tausend Vorhersagen.

Was wäre mit Haddocks Whisky passiert?

Hier lag Herge genau richtig. In einer echten Mondlandung hätte es in der Schwerelosigkeit genau so funktioniert wie Hergé es zeichnete, die Whisky-Kugel hätte sich genauso gebildet.

Veröffentlicht von oschlenkert

männlich, 52 Jahre, verheiratet, 1 Kind, mitten im Leben ... und dann kam der Schlaganfall.

Kommentar verfassen