Der Mann, der den Mond eroberte, bevor die NASA ihn jemals erreichte: Hergés „Reiseziel Mond“

Ich liebe Pins. Die kleinen Anstecknadeln mit denen man versteckte Botschaften senden kann, die nur eingeweihte verstehen. Für mich gehört eine kleine rote Mondrakete dazu.

Anstecknadeln (englisch pins) sind meist Schmuckstücke aus unedlen Metallen, die ans Revers geheftet werden. Sie haben oft eine schmückende Funktion, können aber auch die Zugehörigkeit (zum Beispiel zu einem Verein oder einer Firma) unterstreichen. Wikipedia

Ein belgischer Zeichner sitzt in den 1950er Jahren an seinem Zeichentisch und tut etwas Verrücktes: Er schickt einen jungen Reporter, seinen Hund und einen betrunkenen Kapitän zum Mond — lange bevor die Menschheit auch nur daran denkt, es wirklich zu versuchen.

Dieser Zeichner ist Hergé (1907–1983), mit echtem Namen Georges Rémi, und die Geschichte, die er erzählt, wird eines der großen prophetischen Meisterwerke der Comicgeschichte: Die zwei Alben „Reiseziel Mond“ (1953) und „Schritte auf dem Mond“ (1954).

Die verrückte Idee

Während die Welt 1953 noch glaubte, dass Mondflüge reine Science-Fiction waren, zeichnete Hergé mit seinem Team in aller Ernsthaftigkeit die technischen Details einer Mondmission. Doch es geht nicht einfach darum, dass er die Idee hatte — nein, Hergé recherchierte akribisch für diese Abenteuer.

Der Zeichner konsultierte tatsächlich Weltraumexperten. Er studierte wissenschaftliche Veröffentlichungen. Er befasste sich mit den Möglichkeiten der damaligen Raketenforschung und ließ sich sogar von dem Science-Fiction-Film „Endstation Mond“ (1950) inspirieren. Besonders fasziniert war Hergé von den theoretischen Werken des Astronautikers Alexandre Ananoff und des Wissenschaftsautors Willy Ley, die er intensiv studierte.

Die Timeline der Voraussage

Hier wird es wirklich faszinierend:

  • 1953: Hergé veröffentlicht „Reiseziel Mond“
  • 1954: Die Fortsetzung „Schritte auf dem Mond“ erscheint
  • 1957: Der sowjetische Sputnik schießt in den Himmel — eine echte Schockwelle für die westliche Welt
  • 1961: Juri Gagarin wird der erste Mensch im Weltall
  • 1969: Neil Armstrong und Buzz Aldrin betreten tatsächlich den Mond

Hergé war also mindestens 16 Jahre schneller als die Realität!

Was Hergé korrekt vorausgesagt hat

Das Verrückte daran: Vieles, was Hergé zeichnete, war nicht nur fantasievoll, sondern erstaunlich präzise:

✓ Die Schwerelosigkeit: Hergé zeigt, wie sich Kapitän Haddock in der Schwerelosigkeit bewegt — und es ist komisch UND wissenschaftlich korrekt. Sein Whisky bildet Kugeln in der Luft (eine Szene, die direkt aus Willy Leys Buch „Im Inneren der Mondfähre“ inspiriert war).

✓ Die Raketenform: Die rot-weiße Rakete ähnelt der deutschen V2-Rakete, die tatsächlich die Grundlage für das Apollo-Programm bildete.

✓ Der Antrieb: Hergé beschreibt sogar zwei verschiedene Antriebssysteme — ein Verbrennungsantrieb für den Start in der Erdatmosphäre und einen Nuklearantrieb für den Weltraum. Gut das dieser nicht genutzt wurde. Sonst gäbe es heute vielleicht stark verstrahlte Bereiche auf dem Mond.

✓ Die erste Schritte auf dem Mond: Die ikonische Szene, in der Tim als erster den Mond betritt und sagt: „Es ist soweit! Ich habe einige Schritte gemacht! Ohne Zweifel zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit gab es SCHRITTE AUF DEM MOND!“ — diese Worte sind schier profetisch und erinnern stark an Neil Armstrongs echte Worte vom 21. Juli 1969.

✓ Raumanzüge für alle: Sogar der Hund Struppi bekommt einen eigenen Raumanzug — lange bevor Astronauten sich mit solchen Details befassten.

Sinn für komischen Details

Doch Hergé war nicht nur Visionär, er war auch ein großartiger Geschichtenerzähler mit Humor. Die beiden Mondflug-Alben sind nicht trocken und wissenschaftlich, sondern voller irrwitziger Momente:

– Kapitän Haddock und sein Whisky: Der betrunkene Kapitän in der Schwerelosigkeit ist eine der brillantesten Szenen. Seine Versuche, damit umzugehen, sind gleichzeitig lustig und physikalisch authentisch.

– Die Nebenhandlung mit Spionen: Während Tim und Co. zum Mond fliegen, gibt es eine parallele Geschichte mit geheimen Agenten und rivalisierenden Mächten — pure kalte-Kriegs-Spannung vermischt mit absurdem Comic-Wahnsinn.

– Professor Bienlein: Der zerstreute Wissenschaftler ist kein Genie-Klischee, sondern eine liebenswert chaotische Figur.

Der wissenschaftliche Hintergrund

Das Erstaunliche: Hergé arbeitete mit echten Experten zusammen. Der Zoolog und Autor Bernard Heuvelmans und der Raumfahrtwissenschaftler Alexandre Ananoff standen dem Zeichner zur Seite. Sie berieten ihn über die realistischen Möglichkeiten einer Mondmission — und Hergé nahm diese Beratungen ernst.

Das Resultat ist eine Comic-Serie, die Sie heute ohne Schande als halbwegs wissenschaftlich genau betrachten können. Manche Entscheidungen erweisen sich sogar als besser, als sie NASA-Ingenieure 16 Jahre später trafen!

Der Cliffhanger, der die Welt in Atem hielt

Hier ist das Dramatische: „Reiseziel Mond“ endet mit einem Cliffhanger.

Die Rakete hebt ab. Die Triebwerke röhren. Und dann… Stille. Keine Funkverbindung. Die Mission ist gestartet, aber niemand weiß, ob die Crew noch lebt.

Als Hergé diese Geschichte 1951-1953 in der Zeitschrift „Tintin“ veröffentlichte, mussten seine Leser 18 Monate warten auf die Fortsetzung! Denn Hergé litt unter extremer Überbelastung und brauchte Erholung.

Stellen Sie sich vor: Ihre liebste Comic-Serie endet mit der Frage „Sind sie tot oder lebendig?“ und Sie müssen anderthalb Jahre warten! Das ist echter Cliffhanger-Drama, lange bevor es Netflix gab.

Warum war Hergé so prophetisch?

Hergé war kein Hellseher. Er war einfach neugierig, gewissenhaft und bereit zu recherchieren. In einer Ära, in der Science-Fiction oft reines Fantasy-Spielzeug war, nahm Hergé die Wissenschaft ernst. Er las wissenschaftliche Arbeiten. Er befragte Experten. Er dachte logisch über die Probleme nach.

Dies war die Anti-These zu oberflächlicher Science-Fiction: Hergé wollte wissen, wie man zum Mond fliegt — nicht nur, dass man fliegt.

Das kulturelle Erbe

2019, genau 50 Jahre nach Apollo 11, gab der Carlsen-Verlag einen besonderen Doppelband heraus: Beide Mondflug-Alben in einer luxuriösen Ausgabe. Es ist ein Tribut an Hergés Prophezeiung.

Und in der modernen Raumfahrt-Welt? Der Milliardär und Raumfahrtpionier Elon Musk hat erklärt, dass er sich beim Design seines Raumschiffs „Starship“ von Hergés Mondrakete inspirieren ließ. Das ist keine Kleinigkeit — das bedeutet, dass eine belgische Comic-Zeichnung aus den 1950ern die zukünftige Mondfahrt des 21. Jahrhunderts beeinflusst!

Das Fazit: Die Macht der Fantasie mit Fundament

Was macht Hergés Mondflug-Abenteuer so besonders? Es ist die Kombination aus wildem Abenteuer-Geist und wissenschaftlichem Ernst. Hergé bewies, dass man Unterhaltung und Wissenstransfer nicht trennen muss. Man kann Leser zum Lachen bringen UND ihnen etwas beibringen.

Die beiden Alben bleiben zeitlose Meisterwerke. Sie zeigen ein Universum, in dem ein belgischer Reporter und sein Hund den Mond erreichen — 16 Jahre bevor es real wurde. Und sie tun es auf eine Weise, die immer noch unterhaltsam, witzig und wundersam ist.

Die deutschen Comic-Ausgaben von „Tim und Struppi“ erscheinen seit 1967 im Carlsen Verlag. Nach einem kurzlebigen früheren Versuch begann Carlsen in Deutschland mit einer ersten Produktion, zu der laut dem Carlsen-Pressematerial auch „Reiseziel Mond“ und „Schritte auf dem Mond“ gehörten.

Ich bin 1968 kurz vor der ersten Mondlandung geboren. Also begleiten mich Tim und Struppi schon mein ganzes Leben. Schon als kleiner Steppke habe ich beim Zahnarzt ihre Abenteuer mit roten Wangen verschlungen. Das ist eine der großen Verbindungen meines Lebens und hat sicher dazu beigetragen, dass ich Ingenieur geworden bin. Was hat euch schon früh geprägt und verbindet euch noch heute? Ich bin sehr neugierig auf ihre Erfahrungen.

Veröffentlicht von oschlenkert

männlich, 52 Jahre, verheiratet, 1 Kind, mitten im Leben ... und dann kam der Schlaganfall.

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