Vor ein paar Tagen lag sie im Briefkasten: die neue Wertmarke für 2027, dieser kleine Zettel, den ich hinter meinen Schwerbehindertenausweis heften kann und das mir die kostenlose Fahrt im ÖPNV sichert. Ein Stück Papier, verschickt mit echter Post, in einer Zeit, in der mein Kühlschrank per App mir sagen kann, dass die Milch alle ist.
Das brachte mich auf die Frage, die mich als Blogger mit Hang zur „Verwaltungsarchäologie“ einfach umtreiben musste: Wie digital ist eigentlich das Land, das mir diese Marke schickt? Ich habe mich durch die aktuellen Zahlen gegraben – vom Bund über Europa bis nach Niedersachsen und Hannover, und ganz zum Schluss zurück zu meinem eigentlichen Thema, der Schwerbehinderung. Ergebnis: ein sehr vielschichtiges Bild mit einigen Höhen und vielen Untiefen.
Der Bund: Fortschritt im Schneckentempo
Fangen wir oben an. Der Behörden-Digimeter 2026, herausgegeben vom Institut der deutschen Wirtschaft im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes zu überprüfen. Das Ergebnis liest sich wie eine Mahnung an die eigene Ungeduld: Von 7.509 Einzelleistungen der Verwaltung sind Anfang 2026 gerade einmal 823 bundesweit tatsächlich flächendeckend digital verfügbar. Das sind knapp elf Prozent. Eigentlich hätten Bund, Länder und Kommunen laut Onlinezugangsgesetz schon bis Ende 2022 fertig sein sollen. Bei der aktuellen Geschwindigkeit, so rechnet das Institut vor, dauert die vollständige Digitalisierung noch mehr als neunzehn Jahre – macht ungefähr das Jahr 2045. Ich werde dann, sofern alles gut geht, 77 Jahre alt sein und kann vielleicht der dann amtierenden Bundesregierung noch persönlich gratulieren.
Immerhin: Es gibt einen Plan. Bundesdigitalminister Karsten Wildberger hat einen Drei-Stufen-Plan vorgelegt, wonach bis Ende 2026 in jedem Bundesland fünf zentrale Verwaltungsleistungen vollständig digital funktionieren sollen – darunter Führerscheinanträge, Online-Ummeldungen und Aufenthaltsgenehmigungen. Seit dem Frühjahr 2026 läuft zudem das „EinfachMachen-Portal“, über das Bürgerinnen und Bürger direkt melden können, wo es im Alltag noch hakt. Für Anfang 2027 ist außerdem die EUDI-Wallet angekündigt, mit der Personalausweis und Führerschein auf dem Smartphone landen sollen. Ambitioniert, keine Frage. Ob es reicht, um aus dem Schneckentempo einen forschen Schritt zu machen, wird sich zeigen.
Deutschland in Europa: Mittelfeld mit Tendenz nach „unten“
Wer glaubt, das sei allein ein deutsches Problem, dem sei der Blick über die Grenze empfohlen – der macht es leider nicht besser. Der neue Bitkom-DESI-Index 2026 stuft Deutschland unter den 27 EU-Mitgliedstaaten nur noch auf Platz 17 ein, mit 51,1 Punkten. Im Vorjahr stand die Bundesrepublik noch auf Rang 14, im ursprünglichen DESI-Index der EU-Kommission von 2022 sogar auf Rang 13. Der Trend zeigt also nicht nach oben, sondern beharrlich nach unten – während andere Länder digitalisieren, digitalisiert Deutschland hinterher.
Speziell bei der digitalen Verwaltung wird es noch unangenehmer: Hier landet Deutschland nur auf Platz 22 von 27. Angeführt wird das Gesamtranking von Dänemark mit 76,4 Punkten, gefolgt von Finnland, den Niederlanden, Malta und Luxemburg – überwiegend kleine, wendige Staaten.
Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst gibt allerdings zu bedenken, dass sich ein großer, föderaler Flächenstaat wie Deutschland nur bedingt mit Luxemburg oder Dänemark vergleichen lässt. Schaut man sich nur die fünf bevölkerungsreichsten EU-Länder an, liegt Deutschland immerhin auf Platz zwei hinter Spanien, das mit 61,1 Punkten zeigt, dass auch ein föderal organisiertes Land schneller vorankommen kann. Ein eher schwacher Trost, aber immerhin einer.
Niedersachsen: Zwischen Aufholjagd und Ankündigung
Damit zu meinem eigenen Bundesland. Niedersachsen belegte im bundesweiten Vergleich der Verwaltungsdigitalisierung zuletzt nur Platz 11. Bei den sogenannten Fokusleistungen – den sechzehn wichtigsten Behördenleistungen für Bürger und Unternehmen – waren im Februar 2026 gerade einmal 30,5 Prozent flächendeckend digitalisiert. Innenministerin Daniela Behrens nannte das selbst „keinen guten Wert“ und kündigte im Mai 2026 eine Taskforce mit dreißig Fachleuten an, die den Kommunen bei der Umsetzung digitaler Angebote helfen soll, unter anderem beim Meldewesen, beim Wohngeld und bei Einbürgerungsverfahren.
Immerhin bewegt sich etwas: Im Ranking der Online-Dienstverfügbarkeit hat sich Niedersachsen von Platz 11 auf Platz 5 verbessert. Die neue Digitalisierungsstaatssekretärin Anke Pörksen formuliert das Ziel unumwunden: Sie will Bayern und Hessen überholen, klagt aber gleichzeitig darüber, dass Niedersachsen im Vergleich zu den zuständigen Instanzen anderer Bundesländer schlicht zu wenig Personal hat. Eine ehrliche Ansage und ein ehrgeiziges Ziel, wie ich finde – lieber so, als schöngerechnete Erfolgsmeldungen.
Interessant wird es, wenn man nach Kategorien schaut. Beim Bitkom-Länderindex 2026, der alle sechzehn Bundesländer anhand von dreißig Indikatoren bewertet, liegt Niedersachsen bei der digitalen Infrastruktur weit vorn – zusammen mit Hamburg, Bremen und Schleswig-Holstein beim Glasfaser- und Gigabitausbau überdurchschnittlich stark. Bei „Governance und Verwaltung“ im engeren Sinne taucht Niedersachsen dagegen nicht unter den Spitzenreitern auf; dort führen Hamburg, Berlin, Hessen, Bayern und Baden-Württemberg. Gute Leitungen, aber noch nicht überall die passenden digitalen Dienste, die durch sie fließen – das ist die niedersächsische Kurzformel.
Hannover: Der Lichtblick vor der eigenen Haustür
Und jetzt zu meiner Stadt, die es in dieser Statistikwüste tatsächlich schafft, mich positiv zu überraschen. Die Region Hannover hatte bis März 2026 knapp neunzig Prozent ihrer freiwilligen Digitalisierungsprojekte abgeschlossen. Bei den gesetzlich vorgeschriebenen OZG-Leistungen liegt die Region mit 45 Prozent deutlich über dem niedersächsischen Landesschnitt von 30,5 Prozent. Und die Bürger nehmen das Angebot offenbar an: Allein im ersten Quartal 2026 wurden die Online-Angebote 65.000-mal pro Monat aufgerufen, ein Plus von 67 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Am gefragtesten sind Wunschkennzeichen, Führerscheinanträge sowie Leistungen für Bildung und Teilhabe.

Die Landeshauptstadt selbst hat sich mit einem 48-Millionen-Euro-Digitalisierungsfonds ausgestattet, um ein „digitales Rathaus“ aufzubauen. Seit Juli 2026 begleitet die KI-Assistentin „Hanni“ Bürgerinnen und Bürger durchs städtische Serviceportal – ein digitaler Wegweiser durch den Behördendschungel, sozusagen. Bei der digitalen Elterngeldakte ist Hannover bundesweit sogar die erste große Kommune, die eine bestimmte Schnittstelle produktiv einsetzt, wovon jährlich rund 3.000 Elterngeldfälle profitieren. Für die Auszeichnung als „Aufsteiger des Jahres“ im Bitkom Smart City Index 2025 gab es also durchaus Gründe. Wer schon einmal im Service-Center am Schützenplatz auf der Suche nach dem richtigen Wartebereich verzweifelt ist, weiß die Online-Terminvereinbarung mit automatischer Zuständigkeitsprüfung per Postleitzahl zu schätzen – ein kleiner, aber im Alltag sehr spürbarer Fortschritt.
Und jetzt zur Wertmarke: Wie digital ist die Schwerbehinderung?
Damit zurück zu meinem eigentlichen Anlass. Meine Wertmarke kam per Post – aber wie sieht es eigentlich mit den vorgelagerten Anträgen aus, mit der Feststellung der Behinderung, mit dem Ausweis selbst, mit dem Beiblatt? Hier hat mich die Recherche tatsächlich überrascht, denn ausgerechnet in diesem Bereich ist Niedersachsen weiter, als ich erwartet hätte.

Das Land hat im Rahmen der OZG-Umsetzung die Federführung für das Themenfeld Gesundheit übernommen und in diesem Zuge drei digitale Antragsstrecken entwickelt: den Antrag auf Feststellung einer Behinderung und Zuerkennung von Merkzeichen, den Antrag auf Ausstellung des Beiblattes – also jenes Zusatzdokuments für die unentgeltliche Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel oder die ermäßigte Kfz-Steuer – sowie den Antrag auf Ausstellung des Schwerbehindertenausweises selbst. Alle drei lassen sich barrierefrei über PC, Smartphone oder Tablet stellen.
Bemerkenswert finde ich, dass Betroffene selbst in die Entwicklung einbezogen wurden, damit die Anträge zielgruppengerecht und tatsächlich barrierefrei werden – nicht nur auf dem Papier, sondern in der Bedienung. Technisch fließen die Anträge über eine Schnittstelle direkt in das Fachverfahren der zuständigen Behörde, dem Landesamt für Soziales, Jugend und Familie. Medienbruchfrei nennt sich das im Verwaltungsdeutsch, und es bedeutet ganz praktisch: kein Antrag, der erst ausgedruckt, dann wieder eingescannt und schließlich in ein anderes System abgetippt werden muss. Das kann, so die Landesregierung, Bearbeitungszeiten spürbar verkürzen.
Ende 2021 lebten in Niedersachsen 663.620 Menschen mit gültigem Schwerbehindertenausweis und einem Grad der Behinderung von mindestens fünfzig – eine der größten Zielgruppen für digitale Verwaltungsleistungen überhaupt, was wohl auch erklärt, warum dieser Bereich vergleichsweise gut ausgebaut wurde. Der Zugang läuft entweder über das Bundesportal verwaltung.bund.de, das einen automatisch ins passende Landesportal weiterleitet, oder direkt über die NAVO-Seiten des niedersächsischen Sozialministeriums.
Mein Fazit als jemand, der die Wertmarke in der Hand hält
Zwischen der großen Verwaltungsdigitalisierung, die 2045 fertig werden soll, und der kleinen, sehr konkreten Erleichterung, meinen nächsten Ausweis online beantragen zu können, liegt eine erstaunliche Kluft. Der Bund kriecht mit elf Prozent digitalisierter Leistungen durchs europäische Mittelfeld, Niedersachsen kämpft mit gut dreißig Prozent bei den wichtigsten Leistungen, und ausgerechnet Hannover und der Schwerbehindertenbereich zeigen, dass es auch anders geht, wenn man will und die Betroffenen von Anfang an mitdenkt. Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis dieser Recherche: Digitalisierung gelingt nicht dort, wo die großen Ankündigungen gemacht werden, sondern dort, wo jemand sich hinsetzt und fragt, was die Menschen eigentlich brauchen. Meine Wertmarke für 2027 hefte ich trotzdem ganz analog hinter meinen Ausweis. Manche jährlichen Rituale sind wohl auch im digitalen Zeitalter noch eine lange Zeit unumgänglich.
Foto von cottonbro studio mit KI Hintergrund
Ganz einfach mal Richtung Frankreich schauen: Mal abgesehen davon dass die Mobilfunkabdeckung schon seit knapp 20 Jahren dort bei 100% liegt ist man auch sonst uneinholbar voraus. Fast alles ist online machbar. Allerdings hat man dort auch trotz 1,5 facher Größe eine kleinere Verwaltung und der Deutsche Michel hängt an seinem überbezahlten Beamtenjob.
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