Oder: Warum 3 Prozent der Busse eine Lösung sind, der Rest aber nur begrenzt
Ich fahre zwei Tage die Woche mit dem Bus zur Arbeit – früh morgens, um noch einen Sitzplatz zu ergattern. Komme ich zu spät, sieht es wegen der vielen Schüler schlecht aus. Das ist nicht Komfort, sondern Notwendigkeit. Meine Gehbehinderung verzeiht mir nicht, die halbe Fahrt stehend zu verbringen. Aus diesem Grund war ich neugierig, was der ADAC-Test zur Barrierefreiheit im Nahverkehr über die momentane Realität verrät. Die Antwort ist sowohl beruhigend, macht mich aber auch nachdenklich.
Die gute Nachricht zuerst
Der Test hat Positives gefunden: An 83 Prozent der Haltesteige gibt es gut begehbare Flächen, 92 Prozent haben Sitzmöglichkeiten. Das ist nicht nichts. Insbesondere an Neu- und Umbauten wird Barrierefreiheit mittlerweile „mitgedacht“ – schön, dass es nur 40 Jahre Behindertenrechtsbewegung brauchte, bis das Standard wurde.
Leitstreifen für blinde Fahrgäste sind an 93 Prozent vorhanden. Flache Rampen an 84 Prozent. Man könnte fast glauben, dass alles gar nicht so schlecht ist?
Dann kommt der Test zum Kernproblem.
Der Einstieg: Häufig das eigentliche Problem
Nur 3 Prozent der Busse erfüllen die Norm, dass Spalt und Höhenunterschied zwischen Bahnsteig und Fahrzeugtür maximal 5 Zentimeter betragen sollen. Drei Prozent. Das ist weniger als eine Runde beim russischen Roulette; das ist eine Statistik, die sagt: Die meisten Busse in Deutschland sind für Menschen wie mich nicht eigenständig zu benutzen.
Der Test zeigt: Bei Straßenbahnen ist es mit 20 Prozent etwas besser. Etwas. Das bedeutet immer noch, dass 80 Prozent der Straßenbahnen ein Hindernis darstellen.
Die konfliktreiche Wirklichkeit der Barrierefreiheit
Der ADAC-Test macht einen wichtigen Punkt deutlich: Barrierefreiheit kann nicht einfach für eine Gruppe gedacht werden.. Was hilft einer Person im Rollstuhl, hilft nicht automatisch einer blinden Person. Abgesenkte Bordsteine sind toll für Rollator und Kinderwagen – aber blinde Menschen brauchen deutliche Kanten und taktile Leitsysteme zur Orientierung.

Armlehnen und andere Luxusprobleme
Besonders interessant finde ich die Statistik zu den Armlehnen: Nur an 11 Prozent der Haltesteige gibt es welche. Armlehnen – diese einfachen, günstigen Dinger, die das Hinsetzen und Aufstehen um ein Vielfaches erleichtern. Das ist keine High-Tech-Lösung.
Magdeburg hat das verstanden (57 Prozent mit Armlehnen). Warum nicht die anderen 99,99 Prozent Deutschlands?
Was der Test nicht zeigt
Der ADAC-Test ist gründlich. Aber es fehlen auch Dinge. Bei meinen Fahrten beobachte ich häufig Probleme mit Rampen. Die scheinen sich zu verziehen. Das Aus und Einfahren dauert ewig, zwei Mal war die Fahrt bei mir mit nicht einfahrbarer Rampe schon zu Ende.
Was mich optimistisch stimmt
Der ADAC fordert „mehr Tempo“ – und das ist richtig. Aber es braucht nicht nur Tempo, sondern auch eine Erkenntnis, die zu wachsen scheint: Menschen mit Mobilitätseinschränkungen sind die wichtigsten Nutzergruppen des öffentlichen Nahverkehrs. 40 Prozent von uns fahren mindestens wöchentlich Bus und Bahn. Bei Menschen ohne Einschränkungen sind es 30 Prozent.
Das ist Geschäftslogik, nicht nur Verpflichtung. Wer Barrierefreiheit schafft, gewinnt dankbare Fahrgäste.
Chemnitz zeigt, wie es gehen kann – mit Fahrerschulungen, akustischen Fahrgastinformationen, Mobilitätstrainings, und vor allem: mit echtem Dialog zwischen Betreibern und Betroffenen. Das „Chemnitzer Modell“ ist kein Zufall sondern ein interessanter Lösungsansatz..
Das Chemnitzer Modell ist ein Nahverkehrskonzept, das Straßenbahnen und Eisenbahnen verknüpft, um das Umland umsteigefrei an die Chemnitzer Innenstadt anzubinden. In der städtischen Inklusions- und Teilhabeplanung ist barrierefreie Mobilität ein zentrales Handlungsfeld, um bis 2030 ein selbstbestimmtes und gleichwertiges Fortbewegen aller Menschen im öffentlichen Raum zu ermöglichen.
P.S.: Wenn ihr mit dem Bus fahrt und jemanden seht, der mit dem Einstieg kämpft – fragt, ob Hilfe gewünscht ist oder drängelt nicht unmittelbar hinter ihm her. Manchmal ist der einfachste Zugang zu mehr Barrierefreiheit eine offene Tür. Im wortwörtlichen Sinne. Welche Erfahrungen habt ihr mit der Barrierefreiheit im Nahverkehr gemacht. Hinterlasst gerne einen Kommentar.