Habsburg gegen Hohenzollern – Ein kleines Juwel aus unserer gemeinsamen wechselvollen Geschichte

Bisher hat mich das Stichwort Österreich zuerst immer an ein paar meiner IT-Projekte erinnert. Gute Menschen, respektvolle Zusammenarbeit, gegenseitiger Respekt auch in schwierigen Situationen. Und natürlich an eine tolle Landschaft.

Über die gemeinsame Geschichte von Österreich und Deutschland weiß ich eigentlich relativ wenig. Ich kenne die Oberfläche – Habsburger, Preußen, die wichtigsten Eckdaten– aber die Details? Die Wendepunkte? Wie es dazu kam, dass zwei deutschsprachige Länder sich so unterschiedlich entwickelten? Keine Ahnung.

Diese Lücke wurde mir diese Woche besonders bewusst – auf Arte in einer tollen tiefgründigen Dokumentation.

Das Dokudrama auf ARTE: Habsburg gegen Hohenzollern – Die Schlacht bei Königgrätz

Es ist ein kluges Stück Fernsehen: sehr kurzweilig, räumt mit vielen Mythen auf, verfügbar bis November 2026.

Die zentrale Frage ist brutal einfach: Wer hat unter den deutschsprachigen Ländern das Sagen? Habsburger oder Hohenzollern? Im Sommer 1866 führen sie darüber Krieg. Beim böhmischen Königgrätz wird er am 3. Juli entschieden. In einer der größten Feldschlachten der Geschichte besiegt der Herausforderer Preußen überraschend den Platzhirsch Österreich.

Die Niederlage beendet die Jahrhundert lange habsburgische Dominanz in Mitteleuropa, ebnet den Weg zu einem geeinten deutschen Nationalstaat und schürt die Rivalität zwischen Frankreich und Deutschland. Der Weg zu beiden Weltkriegen beginnt bei Königgrätz.

Das ARTE-Dokudrama räumt mit alten Mythen auf: das überlegene Zündnadelgewehr, die Rolle der Eisenbahn, das Genie des preußischen Generalstabschefs Moltke – die technologischen und strategischen Faktoren, die zum preußischen Sieg führten.

Aber wichtiger sind die persönlichen Aufzeichnungen, die neue Perspektiven auf diesen Bruderkrieg eröffnen. Vor 1866 hätte man gefragt: Österreich oder Preußen – wer führt den deutschsprachigen Raum? Nach 1866 war die Antwort eindeutig: Preußen. Und damit mussten sich beide Länder völlig neu definieren.

Was uns alle angeht

Hier liegt das Interessante für jeden, der in diesem deutschsprachigen Raum aufwächst: Königgrätz war ein Schachzug, der beide Länder für über 150 Jahre definierte.

Warum das Dokudrama sehenswert ist

ARTE zeigt hier nicht nur eine Schlacht. Es zeigt die politischen Umrisse eines Moments: Ambitionen, Strategie, die Entscheidungen, die alles verändern. Man sieht, wie zwei deutschsprachige Länder an einem Tag ihre Zukunft bestimmen – unbewusst, weil niemand wirklich vorhersehen konnte, wohin das führen würde.

Aber hier ist das, das mich wirklich beschäftigt: Was war mit den einfachen Soldaten und Menschen?

Bei Königgrätz starben etwa 24.000 Menschen. Soldaten, die zwei Tage vorher noch nicht wussten, dass sie sich überhaupt begegnen würden. Aus demselben deutschsprachigen Raum, teilweise von der gleichen Kultur, manchmal sogar von der gleichen Familie.

Die Brüder von Gablenz: Tatsächlich zogen die preußischen Brüder Heinrich und Karl von Gablenz gegen ihren jüngsten Bruder in die Schlacht. Er kämpfte auf der Seite Österreichs – ebenso wie der Ehemann ihrer Schwester Antonie. Eine Familie, zerrissen nicht durch Wahl, sondern durch politische Grenzen, die sie nicht gezogen hatte.

Der böhmische Infanterist Ladislav Prokop kämpfte in seiner Heimat ums Überleben. Der Bauernsohn Josef Volf aus Böhmen erlebte die Verwüstung durch Kanonen und Cholera aus nächster Nähe mit. Er wird später zum wichtigsten Chronisten der Schlacht bei Königgrätz – einer der wenigen, der die Erfahrung der einfachen Menschen aufgeschrieben hat.

Das ist der wahre Bruderkrieg – nicht im metaphorischen Sinne, sondern buchstäblich. Ein Bruderkrieg, dessen Verwüstungen nicht nur die Schlachtfelder betraf, sondern auch die Seelen und Familien.

Was hätte das gekostet, wenn der andere gewonnen hätte? Die Antwort ist nicht keine Weltkriege oder ein stabiles Reich. Die Antwort ist: Für die einfachen Menschen – für Heinrich und Karl von Gablenz, für Ladislav Prokop, für Josef Volf – hätte es sich gleich angefühlt. Genauso tragisch. Genauso sinnlos. Die Cholera hätte genauso gewütet.

Es ist eine Erinnerung daran, dass Geschichte nicht unausweichlich ist. Sie besteht aus Entscheidungen, aus Momenten, die alles verändern können.

Meine Empfehlung

Schaut euch das bitte selber an. Die Dokumentation ist sehr gut gemacht. Beide Länder sind hier repräsentiert, beide Perspektiven wurden herausgearbeitet. Und am Ende werdet ihr verstehen, warum es für Österreich und Deutschland wichtig ist, diese Schlacht zu kennen – nicht zur Verklärung, sondern zum Verständnis unserer gemeinsamen Geschichte.

Verfügbar auf ARTE bis 19. November 2026.

Foto von Ylanite Koppens

Veröffentlicht von oschlenkert

männlich, 52 Jahre, verheiratet, 1 Kind, mitten im Leben ... und dann kam der Schlaganfall.

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