Tod im Nebel: Wie ein schottischer Arzt den berühmtesten Detektiv der Welt erfand

Otternhagen, ein lauer Sonntag Nachmittag , ein Banner zwischen zwei Eichen: „Sherlock Holmes – Tod im Nebel“. Kriminalkomödie, Freilufttheater, der Mann mit der Deerstalker-Mütze bläst Pfeifenrauch in den Sonnenuntergang,

Ich saß mit meiner Frau in der Waldbühne in Otternhagen, es roch nach Wald und Bratwurst, und ich dachte mir: eigentlich müsste hier ein Programmzettel liegen mit der Überschrift „Wie erfindet man das genaueste Auge der Weltliteratur?“

Der Medizinstudent, der lieber Diagnosen stellte als Geschichten erzählte – bis er merkte, dass Letzteres besser bezahlt wurde

Arthur Conan Doyle kam 1859 in Edinburgh zur Welt, in eine irisch-katholische Familie, deren Vater dem Alkohol zusprach und deren Mutter dem Lesen – man ahnt, wessen Gene sich literarisch durchgesetzt haben. Doyle studierte Medizin, promovierte ordentlich, fuhr eine Weile als Schiffsarzt zur See und eröffnete schließlich eine Praxis in Southsea, die anfangs so wenig Patienten anzog, dass ihm viel Zeit zum Schreiben blieb. Eine Erkenntnis, die jeder freiberuflich Kreative kennt: Der Kunde bleibt aus, die Kunst kommt.

Entscheidend war jedoch, was und bei wem er in Edinburgh gelernt hatte – nicht in der Anatomie, sondern am Krankenbett von Dr. Joseph Bell. Bell, Chirurg und Dozent, konnte einem Patienten angeblich ansehen, welchen Beruf er ausübte und woher er kam, bevor dieser den Mund aufgemacht hatte. Kein Hokuspokus, sondern das konsequente Lesen kleinster Details: eine Schwiele hier, ein Gang dort, eine Tätowierung, die nur Seeleute tragen. „Use your eyes, use your eyes“, soll er seinen Studenten eingebläut haben.

„Sherlock Holmes: Tod im Nebel“ ist eine temporeiche Kriminalkomödie und ein Bühnenstück von Jürgen von Bülow. Die Handlung spielt im London des frühen 20. Jahrhunderts, in dem sich ein mysteriöser Mord im dichten Nebel eines Varieté-Theaters ereignet.

Doyle wurde 1877 sein Assistent und hat, wie er später selbst zugab, sich mit Dr. Watson identifiziert – dem staunenden Assistenten, der zusieht, wie ein anderer die Welt entschlüsselt.

1887 erschien „A Study in Scarlet“, der erste Fall. Vier Romane und 56 Kurzgeschichten sollten folgen, die meisten im Strand Magazine, bis 1927. Interessant:

Die Wissenschaft holt die Fiktion ein – oder war’s andersrum?

Was Doyle 1887 in Holmes‘ Kopf entwarf, war zu diesem Zeitpunkt noch halb Fiktion, halb Wunschdenken. Die reale Forensik hinkte hinterher, holte aber in genau diesen Jahrzehnten mit spektakulärem Tempo auf – fast so, als hätte die Kriminalwissenschaft den Roman als Drehbuch gelesen.

Die Körpermaß-Methode. Ab 1879 entwickelte der Pariser Alphonse Bertillon ein System, das Straftäter anhand exakter Körpermaße identifizierbar machen sollte – Kopflänge, Fußlänge, Fingerlängen, fein säuberlich auf Karteikarten. Anfangs verspottet, sogar mit Kündigung bedroht, setzte sich die „Bertillonage“ ab den 1880er-Jahren europaweit durch und blieb bis zur Jahrhundertwende der Standard der polizeilichen Identifizierung.

Der Fingerabdruck. Fast zeitgleich, aber zunächst im Schatten Bertillons, tüftelten der schottische Arzt Henry Faulds in Japan und der britische Kolonialbeamte William Herschel in Indien unabhängig voneinander an einer eleganteren Idee: Warum Körper vermessen, wenn zehn Fingerkuppen genügen? Faulds veröffentlichte seine Ergebnisse 1880 in der Zeitschrift Nature – und wurde bei Scotland Yard für einen Schwindler gehalten. Erst als Francis Galton, Vetter Charles Darwins, sich zwölf Jahre später ausführlich der Systematik der Fingerabdrücke widmete, kippte die Stimmung. 1892 klärte man in Argentinien den weltweit ersten Mordfall allein anhand eines Fingerabdrucks auf; 1902 gelang Bertillon selbst – ausgerechnet dem erklärten Gegner der Methode – die erste Identifizierung eines Mörders in Europa auf diesem Weg. Die Ironie hätte Doyle nicht besser erfinden können.

Die Wissenschaft vom Tatort. Parallel entstand etwas, das man erst später „Kriminalistik“ nannte: die systematische Beweissicherung, die chemische Giftanalyse, die Handschriftenuntersuchung. Der österreichische Untersuchungsrichter Hans Groß gilt als Begründer dieser Disziplin und forderte schon damals, was heute selbstverständlich klingt – dass Polizeibeamte professionell in Beweissicherung geschult werden müssen, statt nach Bauchgefühl zu ermitteln.

Holmes, der aus Pfeifenasche auf 140 Tabaksorten schließen und Handschriften wie ein offenes Buch lesen konnte, war also weniger Prophet als Zeitgenosse – nur eben ein paar Jahre schneller als das Innenministerium. Genau das war Doyles erklärtes Programm: Er wollte, wie er selbst sagte, dass in der Detektivgeschichte die Wissenschaft an die Stelle des Zufalls tritt, während andere fiktive Ermittler vor ihm ihre Fälle eher durch glückliche Fügung als durch Methode lösten.

Der Kreis schließt sich am Waldrand

Und so steht man in Otternhagen vor einem Banner mit Pfeife und Deerstalker und ahnt: Der Mann, den Jürgen von Bülow für die Kriminalkomödie „Tod im Nebel“ auf die Freilichtbühne gebracht hat, verdankt seine Existenz nicht nur der Feder eines schottischen Arztes.

Mich hat das Stück auf alle Fälle gut unterhalten. Daher, geht mal wieder ins Theater. Es lohnt sich. Versprochen.

Veröffentlicht von oschlenkert

männlich, 52 Jahre, verheiratet, 1 Kind, mitten im Leben ... und dann kam der Schlaganfall.

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