Die Tage werden wieder kürzer, die Abende am Kamin wieder zahlreicher. Es ist wieder Zeit für ein tolles Buch.
Dass es eines der seltenen Bücher gibt, die man ganz einfach zur Hand nehmen kann, wann immer einem danach ist – und jedes Mal wird man vom Reisefieber gepackt – ist keine große Überraschung. Dass man aber auch noch satt wird von den Bildern, den Informationen, den geschickt gewählten Zitaten auf den Seiten.
Genau das ist es, was den neuen wbg-Theiss-Bildband „In 80 Büchern um die Welt“ so verdammt attraktiv für mich macht.
Das Konzept: Literarische Weltreise ganz bequem vom Sessel aus.
Der englische Literaturwissenschaftler John Sutherland (Herausgeber) hat zusammen mit über fünfzig Autoren und Autorinnen einen Katalog zusammengestellt, der 80 Reiseromane vom antiken Epos bis zur modernen Gegenwartsliteratur vorstellt. Die deutsche Ausgabe (WBG Theiss, 2022 habe ich antiquarisch erstanden) ist prächtig ausgestattet: 250 Farbabbildungen, sorgfältig gedruckt, mit großzügiger Seitengestaltung, die das Blättern zum Vergnügen macht. Zwei Seiten pro Buch – das ist das Geheimnis dieses Juwels.
Die Gliederung folgt einer chronologischen und thematischen Logik: Expeditionen und Reisen der Antike, das Zeitalter der Entdeckungsfahrten, Abenteuerreisen, Lehrjahre auf Wanderungen, bis hin zu modernen Roadmovies unserer Zeit.

Was die Auswahl besonders macht: Es geht nicht ausschließlich um Weltreisen. Nein, es geht um das Reisen schlechthin – um das Aufbrechen ins Unbekannte, um Wege voller Beschwernis und ungewissem Ziel.
Ein Buch für raue Jahreszeiten
Bevor ich zu den einzelnen Titeln komme, das für mich so praktische: Dieses Buch ist nicht dazu gedacht, es einmal durchzulesen wie einen Roman. Es ist ein Blätterbuch, ein Inspirationsbuch. Im Winter, wenn es dunkel wird um halb vier und die Heizung oder der Kamin vor sich hin schnurrt, kann man sich auf das Sofa setzen, die Seiten öffnen und abtauchen. Tatsächlich abtauchen. In die Sahara mit Paul Bowles. Auf den Kongo mit Joseph Conrad. Durch die märchenhaften Waldländer mit Hänsel und Gretel, oder – moderner – auf der Lada durch die brandenburgische Provinz mit Tschick und Maik.

Vier kurze Detailausflüge aus der Sammlung:
1. Jules Vernes „In 80 Tagen um die Welt“ (1873)
Das Titelwerk selbst erscheint naturgemäß in dieser Sammlung. Jules Verne, der französische Schöpfer des modernen Science-Fiction-Romans, verfasste eines seiner vergnüglichsten Werke ausgerechnet über eine Reise, die ganz ohne Extravaganzen auskam – nur mit den Verkehrsmitteln seiner Zeit: Eisenbahn, Dampfschiff, Elefant, Segelboot, Schlitten.
Die Geschichte: Der exzentrische Engländer Phileas Fogg wettet mit seinen Clubkameraden, dass er die Erde in exakt 80 Tagen umrunden kann. Sein halbes Vermögen steht auf dem Spiel. Mit seinem Kammerdiener Passepartout verlässt Fogg London am 2. Oktober 1872. Was Verne gelang, war eine ausgefeilte Mechanik der Spannung – nicht wegen Kampfszenen oder Dramen, sondern weil hier die Uhr selbst zum Gegner wird.
Verne schrieb sein Meisterwerk vor 150 Jahren, doch die moderne Leserschaft stellt fest: Der Roman hat nicht an Reiz verloren. Die Frage nach den Grenzen des Möglichen, gestellt durch den bloßen Fortschritt der Transportmittel – das ist zeitlos. Und es war eine wahre Geschichte, die Inspiration war: Der Amerikaner George Train hatte 1870, zwei Jahre zuvor, die Welt tatsächlich in 80 Tagen umrundet. Verne machte eine Anekdote zur Literatur.
2. Mary Shelleys „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ (1818)
Von Jules Vernes technischer Zukunftsvision zu Mary Shelleys gotischem Alptraum von ungezügelter Wissenschaft. 1818 veröffentlicht Mary Shelley anonym ihren Roman. Heute ist Frankenstein, zusammen mit der Odyssee und dem Quixote, einer der wirkmächtigsten Texte der Weltliteratur.
Und die Entstehungsgeschichte ist selbst eine Reise: Sommer 1816, Villa Diodati am Genfer See. Mary Shelley ist 19 Jahre alt. Sie reist mit ihrem Ehemann Percy Bysshe Shelley an, dazu Lord Byron und andere. Der Sommer ist kalt und nass – die Gesellschaft muss sich im Haus vertreiben. Man einigt sich auf einen Wettstreit: jeder schreibt eine Gespenstergeschichte. Mary ist die einzige, die ihren Text zu Ende bringt. Zwei Jahre später wird Frankenstein publiziert.
Der Roman selbst ist eine Reise – dreifach verschachtelt wie ein Matrjoschka. Der englische Forscher Robert Walton berichtet einem Schiff-Kapitän im hohen Norden eine Geschichte, die der Wissenschaftler Victor Frankenstein ihm erzählt hat. Und in dieser Geschichte spricht das Monster selbst. Wer reist hier eigentlich? Der Leser? Victor? Das Monster?
Der Roman warnt nicht vor einer abstrakten technologischen Zukunft – er warnt vor uns grenzenlose Menschen. Die Anfangsszene im arktischen Eis gehört zu meinen absoluten Lieblingsszenen.
Was macht das Buch zeitlos? Eine einfache Antwort: Es wird nie altmodisch, weil Menschen immer wieder die gleiche Hybris entwickeln. Atombombe, Gentechnik, künstliche Intelligenz – stets versucht der Mensch einen Schritt weiterzugehen. Und stets beschwört er Geister herauf, die er nicht mehr los wird. Frankenstein ist die literarische Urgestalt dieser Warnung.
3. Joseph Conrad „Herz der Finsternis“ (Heart of Darkness, 1899)
Joseph Conrads „Heart of Darkness“ ist eines der finstersten, beunruhigendsten Reisebücher der Weltliteratur – und es ist nur Novelle, nicht mal ein voller Roman. Ihr kennt es alle, da bin ich sicher. Aber nicht als Buch, sonders als Film. Und nicht den Kongo, sondern Vietnam. Aber das hier ist das Original.
Der Erzähler Marlow sitzt auf einem Schiff an der Themse und berichtet: Er war eine Zeit lang Flussdampfer-Kapitän im belgischen Kongo, und er wurde hineingesogen in eine Welt der Gier, des Wahnsinns und der kolonialen Gewalt. Sein Auftrag ist es, einen gewissen Kurtz zu finden, einen Handelsagenten, der sich in der Wildnis „selbstverwirklicht“ hat – auf Kosten all seiner Menschlichkeit.
Die Reise hier ist keine Abenteuerreise. Sie ist eine Reise hinab in die Abgründe. Marlow sagt: „Wir durchdringen den Kongo nicht; der Kongo durchdringt uns.“
Warum gehört das in einen Bildband über Reisen? Weil das Abtauchen in fremde Welten nicht immer beglückend ist. Weil es auch verdorben, verstört, süchtig macht. Und weil Conrads Prosa so dunkel schimmert, dass man gar nicht anders kann, als sie zu lesen.
4. W.G. Sebald „Die Ringe des Saturn – Eine englische Wallfahrt“ (1995)
Und dann: die innere Reise. Sebald ist hier der Künstler der Melancholie und der privaten Wallfahrt. Im August 1992 macht sich ein namenloser Erzähler – der aussieht wie Sebald selbst – auf eine sechstägige Fußwanderung durch Suffolk an der Ostküste Englands. Es ist eine physische Wanderung, ja, aber nur die äußerste Klammer. Was wirklich passiert, ist eine Gedankenexkursion, eine Archäologie der Vergangenheit, ein assoziatives Verknüpfen von Spuren des Verfalls, der Zerstörung, der vergessenen Menschenleben.
Der Roman ist durchsetzt mit schwer zu entziffernden Fotografien, Zeitungsausschnitten, Karten – ein visuelles Sammelsurium wie auch dieser Bildband. Sebald beschäftigt sich mit Joseph Conrad, mit dem Schriftsteller Michael Hamburger, mit Naturkatastrophen, mit der Geschichte der Zerstörung auf allen Kontinenten.
Das Entscheidende: „Die Ringe des Saturn“ ist eine innerliche Reise. Der Erzähler ist ein Jahr vor der Reise wegen gänzlicher Unbeweglichkeit ins Krankenhaus eingeliefert worden. Die Wanderung ist sein Versuch, diese innere Lähmung zu durchbrechen. Er reist nicht, um Orte zu entdecken. Er reist, um sich selbst wiederzufinden, indem er die Spuren anderer Menschen verfolgt – verdrängte, vergessene, unter der Last der Gegenwart versunkene Zusammenhänge.
Das ist ein Text, bei dem ein Schlaganfallbetroffener wie ich besonders aufmerkt. Wir kennen die Momente, in denen der Körper schweigt, aber der Geist reist. Wir wissen, dass Beweglichkeit nicht nur eine Frage der Muskeln ist, sondern eine Frage der inneren Topografie, die wir in unseren Gehirnen wieder neu zeichnen müssen.
Auf dieses Buch und diese innere Reise freue ich mich am Meisten in den anstehenden kühlen Wochen. Und jedes Abenteuer – äußer oder inner, technisch oder melancholisch – ob mit Jules Verne, Mary Shelley, Joseph Conrad oder W.G. Sebald, liegt hier, zwischen zwei Buchdeckeln, bereit. Die nächste Reise wartet auf mich.
Schreibt doch einmal, wie euch das Buch gefallen hat? Und welches Porträt euch am meisten fasziniert hat.