Glaubt ihr eigentlich an das Schicksal? An Momente, die euer ganzes weiteres Leben beeinflussen? Ich habe gerade nachgerechnet, ich bin jetzt in meinem 36 Berufsjahr (schulische Ausbildungszeit nicht mitgerechnet). Lediglich 5 Jahre davon habe ich in meinem eigentlichen Beruf der Chemie verbracht. Den gesamten Rest in der IT, aber wie konnte das überhaupt so weit kommen?
1983. Ich bin vierzehn Jahre oder fünfzehn Jahre alt – die genaue Zeit weiß ich nicht mehr genau, Irgendwann in diesem Jahr bekommen mein Vater mir meinen ersten Computer: einen Sinclair ZX81 mit wahnsinniger 64 KB RAM-Erweiterung nach Hause. Damals mein tiefster Wunsch. Einen neuen wie den Apple II hätten wir niemals bezahlen könnten.
Das Ding, der Sinclair, wiegt etwa soviel wie ein Schulbuch, war ein Bausatz und ist in das Gehäuse einer alten Olympiarechenmaschine verbaut. Es ist ein Wunder der Miniaturisierung – und eine Quelle unendlicher Faszination für einen pubertierenden Jungen, der plötzlich eine eigene futuristische Welt in den Händen hält. Bis dahin kannte ich Computer eigentlich nur aus Science Fiction. Was konnte man damit alles anstellen?
Dass dieser kleine Computer mein Leben verändern sollte, konnte ich damals noch nicht wissen.
Die Maschine: Beschränkung als Feature
Der Sinclair ZX81 war das Kind einer vergessenen Ära der Rechentechnik. Angetrieben von einem Z80-Prozessor, mit gerade einmal 1 KB RAM in der Basis-Ausführung (die 64 KB Erweiterung war ein echtes Upgrade), war diese Maschine so sparsam mit Ressourcen, dass man fast von asketischer Eleganz sprechen könnte – wenn nicht ihr Preis das Hauptverkaufsargument gewesen wäre. Mit etwa 50 Pfund beim Launch 1981 war der ZX81 ein Massenprodukt für Hobbyisten und uns interessierte Schüler.
Der ZX81 wird am 5. März 1981 vorgestellt. Die Hardware wurde von Sinclairs Chefingenieur Jim Westwood entwickelt. Bestand der ZX80 noch aus vielen Logikchips, beinhaltet der ZX81 nun einen neuen Chip, der von Sinclair Research entworfen und von Ferranti produziert wird: Die ULA (Universal Logical Unit). Der neue Chip ersetzt 18 Chips im ZX80 und der Preis sinkt so auf £69,95 bzw £49,95 als Bausatz. Auch der ZX81 verfügt wieder über nur 1 KByte Arbeitsspeicher. Zwar gibt es ein 16 KByte Erweiterungsmodul, aber dieses wird für viele Anwender zum Ärgernis: Wird der Computer nur leicht bewegt, kann es zu Störungen an der Kontaktierung kommen, was den Computer abstürzen lässt.
David Tebbutt schreibt ein sehr positives Review über den ZX81 in der Personal Computer World und so wird der ZX81 zum Verkaufsschlager. Bis Januar 1982 werden 300.000 ZX81 weltweit verkauft; im Februar sind bereits 500.000 hergestellt.
Sinclair verkaufte über 1,5 Millionen dieser Geräte weltweit. Ein monumentaler Erfolg, der die Home-Computer-Revolution erst in Gang setzte. Der ZX81 brauchte keinen Monitor – er war auf einen Standard-Fernseher angewiesen. Das war clever, ökonomisch und für meine Eltern kostengünstig.: Wir hatten einen Fernseher. Ich musste also nur den Rechner dort einstecken.

Datenspeicherung lief über Kassette. Ja, Audiokassette., genau auf dem Kassettenrecorder wie ich kurz vorher noch für meine Märchenkasetten verwendet habe.
Du speichertest dein Programm, und der ZX81 schrieb Töne auf ein Magnetband, die dein Cassetten-Rekorder aufzeichnete. Später mit Geduld und etwas Glück lud dein ZX81 das Programm wieder. Manchmal funktionierte es. Manchmal nicht. Das Gefühl, dass digitale Informationen fragil, ja fast flüchtig waren, entstand bei mir schon damals.
ELIZA: Ein Gespräch mit der Maschine
Ich weiß nicht mehr genau, woher ich von ELIZA erfuhr. Vielleicht aus einem Computerbuch, das ich mir ausgeliehen hatte. Vielleicht aus einer Zeitschrift. Was ich aber weiß, ist, dass ich fasziniert war – von der Idee, dass eine Maschine mit dir reden konnte.
ELIZA war das Werk von Joseph Weizenbaum, einem deutschen Informatiker am MIT. Er entwickelte das Programm zwischen 1964 und 1967 – lange vor meiner Zeit mit dem ZX81, aber die Idee lebte weiter in den Lehrbüchern und in der Folklore der Informatik. Weizenbaums Meisterwerk war eine Simulation eines Psychotherapeuten, genauer: eines Gestalt-Therapeuten. Der Therapeut, den Weizenbaum simulierte, war ziemlich einfach: Er stellte Fragen zurück, er umformulierte das, was der Nutzer sagte.
Beispiel:
Nutzer: „Mein Vater ist immer zu streng mit mir.“
ELIZA: „Erzähl mir mehr über deinen Vater.“
Primitive Muster-Erkennung. Regeln wie: „Wenn Nutzer sagt ‚Mein X ist‘, dann antworte ‚Erzähl mir mehr über dein X‘.“ Und doch – das war das Faszinierende – manche Menschen sprachen mit ELIZA, als ob sie mit einem echten Menschen sprächen. Weizenbaum war selbst überrascht. Er nannte dieses Phänomen später den ELIZA-Effekt: Menschen projizieren unbewusst Intelligenz und Verständnis in Programme, die eigentlich nur einfache Muster-Ersetzung durchführen.
Das ist eine tiefe Einsicht in menschliche Psychologie – und gleichzeitig eine Warnung. Weizenbaum, ein humanistischer Denker, wurde später zum Kritiker künstlicher Intelligenz. Er fürchtete, dass wir unsere Menschlichkeit an Maschinen abtreten würden, die nur so tun, als ob sie verstünden.
Meine ELIZA: In BASIC programmiert
Ich war nicht Weizenbaum. Ich war ein Teenager mit einem ZX81 und zu viel Zeit. Und ich beschloss, ELIZA selbst zu implementieren – in BASIC, der Programmiersprache des ZX81.
Das war keine leichte Aufgabe mit 64 KB RAM. Ich musste Strings kürzen, Muster erkennen, Antworten speichern. Der ZX81-BASIC war primitiv: keine Strukturen, keine eleganten Funktionen. Nur GO TO-Befehle, GOTO-Spaghetti-Code. Und doch – irgendwie brachte ich es nach mehreren Versuchen zum Laufen.
Ich erinnere mich an die Zeilen:
INPUT "DEIN PROBLEM: "; A$
IF A$(1 TO 4) = "MEIN" THEN ...
PRINT "ERZÄHL MIR MEHR."
GOTO 100
Dumm? Ja. Aber es funktionierte. Und als ich dann zum ersten Mal mit meinem eigenen ELIZA „sprach“ – oder vielmehr: eine Konversation des ELIZA-Musters erlebte – war ich verzückt. Ich hatte etwas zum Leben erweckt. Nicht wirklich zum Leben, natürlich. Aber die Grenze zwischen Simulation und Leben war dünner, als ich gedacht hatte.
Das englische Handbuch: Mein erstes englisches Buch
Es gibt eine Anekdote in meinem Leben, die ich immer wieder erzähle, weil sie so absurd ist: Das offizielle Sinclair ZX81-Handbuch gab es damals nur auf Englisch. Für einen Jungen wie mich, der Englisch nur ein paar Stunden in der Schule hatte – aber eigentlich keine Ahnung von technischem Englisch – war das eine Herausforderung.
Und doch: Ich habe dieses Handbuch gelesen. Von Anfang bis Ende. Aus purer Notwendigkeit. Ich wollte wissen, wie mein ZX81 funktioniert, und der einzige Weg war, die englischen Seiten zu durchforsten.
Das Handbuch des ZX81 war mein erstes vollständig gelesenes englisches Buch. Nicht ein Comic, nicht Dickens – sondern eine technische Anleitung über Befehle und RAM-Architektur. Und doch: Es hat seinen Zweck erfüllt.
Das war meine erste Bildungserfahrung mit einer fremden Sprache, geboren aus der Notwendigkeit, mit einer Maschine zu kommunizieren.
Bookware: Die Ära der gedruckten Programme
In den frühen 1980ern war „Software“ nicht etwas, das man online herunterlädt. Es war nicht mal etwas, das man kaufte – meist. Es war etwas, das man abschrieb.
Bookware war der Name für diese Praxis: Ein Buch, das vollständig mit Programmlistings gefüllt war. Du kauftest das Buch, setztest dich hin und tipptest – Zeile für Zeile – den Code in deinen Computer. Es war zeitaufwändig. Es war fehleranfällig – eine vergessene Ziffer und dein Programm funktionierte nicht. Aber es war auch eine Art Schulung: Du konntest sehen, wie andere Menschen Programme geschrieben hatten. Du konntest lernen, indem du ihre Code-Struktur nachahmtest.
Ich habe viele solcher Bücher abgeschrieben. Grafik-Programme, Text-Adventure, Spiele. Jedes mal verstand ich ein bisschen mehr über die Architektur von Programmen. Es war analog, es war langsam. Dein eigenes Tippen war die Brücke zwischen dem gedruckten Code und dem laufenden Programm.
Heute würde ein Kind so etwas „ineffizient“ nennen. Damals war es die einzige Möglichkeit.
Der Fernseher-Konflikt: Mein Schwarzweiß-Television
Jetzt kommen wir zu einer Geschichte, die meinen Vater betrifft – und meinen ZX81. Anfangs betrieb ich den Computer am Familien-Fernseher im Wohnzimmer. Das war praktisch, aber es gab ein Problem: Mein Vater wollte abends die Tagesschau sehen. Ich wollte programmieren. Ein Konflikt der Bedürfnisse.
Die Lösung war pragmatisch – und für mich damals wie eine Befreiung: Meine Eltern kauften mir meinen eigenen Schwarzweiß-Fernseher. Gebraucht natürlich. Nicht mal einen Farbfernseher, versteht sich – das war zu teuer. Sondern einen B&W-Set, eine einfache Kiste, gerade groß genug für die ZX81-Grafiken.
Rückblick: Was bleibt?
Der Sinclair ZX81 ist längst Geschichte. Die Maschine verwahre ich noch immer im Keller.
Danke an den Arbeitskollegen meines Vaters, der den Rechner sicher günstig und mit vielen Beigaben abgegeben hat und an meinen Vater, der an einem Tag einfach beschlossen hatte, seinen Sohn einen neuen Bildungsimpuls mitzubringen. Du wusstest damals sicherlich gar nicht, was du damit bei mir ausgelöst hast.
Und vor allem: Danke an Clive Sinclair, dass eine einfache Maschine, mit Leidenschaft betrieben, unendlich viel Bedeutung für neugierige junge Menschen und ihre Zukunft haben konnte.
Foto von Myburgh Roux