Als junger Mann war mein größter Traum, einmal zum Südpol zu reisen. Ein Hörspiel über das Rennen im Jahr 1911/ 1912 zwischen dem Norweger Roald Amundsen und dem Britten Robert Falcon Scott hatte mich damals mit sechs oder sieben Jahren und tut es bis heute, sehr fasziniert. Seit dem habe ich den zugegeben etwas illusorischen Wunsch, einmal in die Antarktis zu reisen. Dort hat Scott 1911 eine Hütte als Ausgangsstation für seine Polexpedition praktisch bis heute unberührt zurückgelassen.
Nach meiner Schwerbehinderung durch einen Schlaganfall dachte ich lange, dieser Traum sei endgültig ausgeträumt. Aber ist er das wirklich? Ich habe recherchiert – und die Antwort hat mich selbst wirklich überrascht. Waren überhaupt schon einmal Schwerbehinderte Personen am Südpol? Da kommt man ja wirklich nicht einfach hin.
Ja, Schwerbehinderte waren am Südpol
Die Liste ist länger, als ich erwartet hatte, und die Namen lesen sich wie eine eigene kleine Geschichte des Unwahrscheinlichen:
- Der Norweger Cato Zahl Pedersen, der mit 14 Jahren bei einem Unfall seinen linken Arm und die Hälfte seines rechten Arms verlor, durchquerte 1994 als doppelamputierter Paralympionike die Strecke von Berkner Island zum Südpol – 1.400 Kilometer in 56 Tagen. Er gilt als der erste Mensch mit Behinderung, der die Strecke von der Antarktisküste aus zurücklegte.
- Der blinde ehemalige Marineoffizier Alan Lock erreichte zwischen November 2011 und Januar 2012 den Pol, begleitet von zwei sehenden Teamkollegen sowie einer Guide – 890 Kilometer auf Skiern.
- Und dann – der für mich eindrücklichste Fall: Jonny Huntington aus Kingsbridge, Devon, wurde als erster behinderter Mensch überhaupt allein und unterstützungsfrei zum Südpol. Huntington ist 38 Jahre alt und Schlaganfall-Überlebender. Er legte 911 Kilometer Antarktiseis in 46 Tagen zurück, trotz der Folgen eines schweren Schlaganfalls im Jahr 2014. Als Armeeoffizier war er im Alter von 28 Jahren durch einen Schlaganfall auf der linken Seite vom Hals abwärts gelähmt und brauchte Jahre der Reha, bevor er wieder vollständig gehen konnte – mit bleibender eingeschränkter Beweglichkeit auf der linken Seite.
- Martin Hewitt, Gründer der Organisation Adaptive Grand Slam, erreichte mit Louis Rudd nach 50 Tagen unterstützungsfreiem Trekking den Südpol und bestieg anschließend den höchsten Berg der Antarktis.
- Darren Edwards, vom Brustkorb abwärts gelähmt, unternahm 2024 die bislang längste Sitzski-Expedition zum Südpol in der Geschichte der Polarforschung – 333 Kilometer in 20 Tagen bei -20 Grad.
Huntingtons Geschichte trifft mich besonders. Ein Schlaganfall, eine halbseitige Lähmung, jahrelange Reha, bleibende Einschränkungen – und am Ende 911 Kilometer durch ewiges Tageslicht und meterhohe Sastrugi, das sind eintönige Schneeverwehungen.
Also: Die Tür ist für mich nicht endgültig zu, sie ist nur anders schwer zu öffnen.
Wie es den ersten Forschern erging
Wer war eigentlich der Mann, dessen Körper sich auf dem Rückweg vom Pol langsam selbst verzehrte ? Robert Falcon Scott, britischer Marineoffizier, brach 1910 mit dem Schiff Terra Nova zu seiner zweiten Antarktis-Expedition auf, diesmal mit dem klaren Ziel, als Erster den Südpol zu erreichen. Heute gilt er als Amateur gegenüber dem erfolgreichen Roald Amundsen.
Am 17. Januar 1912 erreichte er mit vier Begleitern – Wilson, Bowers, Oates und Evans – tatsächlich den Pol. Nur um dort ein norwegisches Zelt vorzufinden: Roald Amundsens Team hatte sie um einen knappen Monat geschlagen. Scott notierte in sein Tagebuch nur: „Great God! This is an awful place“ – Amundsen war bereits fünf Wochen zuvor da gewesen und mit seinen Hundegespannen längst auf dem sicheren Rückweg.

Für Scotts Gruppe begann damit erst das eigentliche Drama: der 1.300 Kilometer lange Rückmarsch, auf dem sich ihre Körper buchstäblich selbst auffraßen. Scotts Team verbrauchte täglich rund 7.000 Kilokalorien – mehr als Spitzensportler im Training – bekam aber nur 3.800 bis 4.500 zugeführt. Dieser Mangel war damals aber noch völlig unbekannt.
Erst schmolz das Fett, dann die Muskeln, dann die Isolierschicht gegen die Kälte – ein Teufelskreis, der sich selbst beschleunigte, bis am 29. März 1912 nichts mehr blieb.
Was mich daran nachdenklich macht: Scott, Wilson und Bowers waren einige der fittesten Männer ihrer Zeit, austrainiert, gesund, ohne jede Vorerkrankung – und sie zerbrachen an der reinen physikalischen Rechnung von Energiebedarf und Energiezufuhr, während Amundsen mit besserer Logistik und Hundeschlitten unbehelligt davonkam.

Vielleicht ist also nicht der Körper das eigentliche Hindernis, sondern manchmal auch das mangelnde Wissen über ihn. Scott kannte weder den exakten Kalorienbedarf von Schwerstarbeit in extremer Kälte noch die Bedeutung von Vitamin C gegen Skorbut, noch die Zusammenhänge zwischen Fettreserven und Kälteisolierung – Wissen, das heute jeder Expeditionsplaner googeln kann.
Heutige Abenteurer dagegen konnte auf hundert Jahre Ernährungswissenschaft, Rehabilitationsmedizin und Materialtechnik zurückgreifen. Der Unterschied zwischen Scheitern und Ankommen war am Ende weniger eine Frage des Körpers als eine Frage dessen, was man über ihn wusste.
Scott war sicher der moderne Mensch als Amundsen. Vielleicht hätte er ihn zehn oder fünfzehn Jahre später mit seinen drei Motorschlitten geschlagen? Mit seinem posthum veröffentlichten Tagebuch hat er uns den eindringlichsten und erschreckenden Eindruck dieser unwirklichsten Region unseres Planeten geschenkt.

Für mich bleibt dass sein größter Verdienst und die Station am Südpol trägt heute mit Recht die Namen beider Entdecker.
Habt ihr trotz Behinderung noch hochfliegende Träume? Oder habt ihr eure Träume endgültig begraben? Erzählt mir gerne darüber.