Monet, der graue Star und die Frage, eines unverwechselbaren Stils

Heute fahre ich nach Le Havre, ins Museum, wo gerade „Monet au Havre“ läuft – der junge Monet, die Lehrjahre zwischen 1845 und 1874, bevor er der Monet wurde, den jeder kennt. Von seinen kranken Augen ist dort nichts zu sehen, das kam erst Jahrzehnte später. Trotzdem ist das ein guter Anlass, über etwas zu schreiben, das mich schon länger beschäftigt: was mit einem Künstler passiert, wenn der Körper anfängt, eigene Entscheidungen mitzutreffen.

Mit Anfang sechzig bekam Monet einen grauen Star, diagnostiziert 1912 – die Linse im Auge trübt sich dabei langsam ein. Er war damit nicht allein. Auch der englische Maler Turner litt daran, und man kann es seinem Bild „Rain, Steam and Speed“ von 1844 ansehen: große Teile der Leinwand liegen im Nebel, nur der Schornstein der Lokomotive ist scharf – vermutlich, weil Turner ihn mit der Lupe in der einen und dem Pinsel in der anderen Hand aus nächster Nähe gemalt hat. Edgar Degas wiederum, der an einer anderen Augenkrankheit litt, ließ sich von den Leuten, die er malte, die Beschriftung seiner Farbtuben vorlesen – was dem Vertrauen der zahlenden Kundschaft in ihn vermutlich nicht gutgetan hat.

Bei Monet sieht man die Krankheit in den Bildern selbst. Ein trübes Auge lässt vor allem Blautöne kaum noch durch, die Welt wird gelb, orange, rotbraun. Genau das passiert in seinen späten Bildern von der Brücke und dem Teich: Die kühlen Töne verschwinden, alles kippt ins Warme, der Pinselstrich wird gröber. Lange dachte man, das sei Stil. War es nicht. Es war das Auge, das nicht mehr mitkam.

Im Spätsommer 1922 hatte Monet nur noch etwa ein Zehntel seiner Sehkraft, und er weigerte sich trotzdem, sich operieren zu lassen. Das war keine Marotte. Eine Augen-OP vor hundert Jahren war eine grobe Sache: Die Hornhaut wurde mit der Schere zur Hälfte aufgeschnitten und umgeklappt, die trübe Linse ganz herausgenommen – ohne die feinen Werkzeuge von heute, und zwei Jahrzehnte bevor es Mittel gegen die gefürchtete Entzündung im Auge nach solchen Eingriffen gab. Wer als Maler von seinen Augen lebt, denkt sich bei so einer Aussicht zweimal nach.

Erst mit 82 Jahren, im Dezember 1922, ließ Monet sich schließlich doch operieren – weil ein unbehandelter grauer Star am Ende zur völligen Erblindung führt, und das hatte er selbst gespürt. Danach musste er eine dicke Brille tragen, mit Gläsern wie der Boden einer Flasche, und er war zunächst geschockt, wie blau die Welt plötzlich aussah – ganz ungewohnt nach Jahren im Gelb und Braun. Erst als man ihm Brillengläser mit einem Blaufilter gab, wurde er allmählich zufriedener. Er war, um es freundlich zu sagen, ein schwieriger Patient. Das lässt sich in seinen Briefen gut nachlesen.

Heute ist diese Art von Augen-OP der am häufigsten durchgeführte Eingriff überhaupt – in Deutschland schätzungsweise 900.000 Mal im Jahr, meist ambulant, oft in zehn Minuten erledigt, nur mit Augentropfen betäubt. Und anders als bei den meisten Operationen kommt dabei nicht selten ein Auge heraus, das besser sieht als je zuvor im Leben, weil man gleich eine alte Kurz- oder Weitsichtigkeit mitkorrigiert. Weltweit allerdings ist der graue Star immer noch der häufigste Grund für Erblindung – dort, wo es an Ärzten und Kliniken fehlt, vor allem in Teilen Afrikas, erblinden Menschen noch heute an etwas, das hierzulande in einer Mittagspause behoben wird.

Das ist die Stelle, an der ich als jemand, mit Behinderung aufhorche. Nicht wegen der billigen Geschichte „Behinderung, aber die Kunst hat trotzdem gesiegt“. Interessanter ist die Frage, wer da eigentlich Urheber der Bilder war: Monet, oder sein eingetrübt es Auge? Vermutlich beide, und das ist unbequem für jeden, der Kunst gern als reinen Willensakt versteht. Ein beschädigter Körper trifft Entscheidungen mit, ob man will oder nicht. Bei mir sind es andere Dinge, bei Monet war es die Linse – aber dass der Körper die eigene Geschichte mitschreibt, kenne ich gut.

Manchmal führt Behinderung zu einem unverwechselbaren Stil, der lange das eigene Leben überdauert. Großartig.

Quelle für den medizinischen Teil: Interview mit Ronald D. Gerste, erschienen auf Coliquio.de, übernommen von Medscape Deutschland (22. August 2023).

Veröffentlicht von oschlenkert

männlich, 52 Jahre, verheiratet, 1 Kind, mitten im Leben ... und dann kam der Schlaganfall.

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