Wir schreiben den 17.03.2020 und Deutschland ist im Lockdown, in der Nacht erleide ich einen Schlaganfall. Nach einer Woche auf der Strokeunit in der Medizinischen Hochschule in Hannover komme ich in der BDH Einrichtung in Hessisch Oldenburg. Mein ungeplanter Aufenthalt dort sollte ein halbes Jahr dauern.
Durch den Lockdown und dank meines IT-Jobs hatte ich in diesem Zeitraum viel Zeit mir Gedanken zu einer digitalen Reha in fünf Jahren zu machen.. Nach der Reha bin ich in den BDH eingetreten und mein Beitrag wurde nach meiner Reha für mich sehr überraschend im BDH Magazin veröffentlicht.
Was soll ich sagen, mit einjähriger Verspätung ist es jetzt soweit. Gestern habe ich diese Nachricht auf Facebook erhalten.

Die App für Patienten und Angehörige ist da, ich habe diese gleich aus dem App Store installiert.
Eines ist jetzt schon deutlich geworden: Der Lockdown hat die Digitalisierung extrem beschleunigt. Ich frage mich, wie wird wohl eine vergleichbare Reha in der Zukunft aussehen? Ich sitze hier im sonnigen Garten der Klinik und denke über die mögliche Zukunft in fünf Jahren nach: Gestern bin ich in Hessisch Oldendorf angekommen. Ich kenne mich in der Einrichtung noch nicht gut aus. Wo geht es noch einmal zum Speisesaal?

Damals mitten im ersten Lockdown waren viele Regeln außer Kraft gesetzt. Meine Frau konnte mich in Hessisch Oldendorf nicht besuchen. Ohne den bekannten Versanddienstleister mit direkter Lieferung in die Klinik hätte ich damals auf dem Schlauch gestanden. Heute würde ich mich eher für Checklisten interessieren, was ich alles für den Aufenthalt mitnehmen sollte. Auch das Thema Freizeitaktivitäten war damals vollständig außer Kraft gesetzt. Auch hier kann die App heute eine gute Hilfestellung für viel Abwechslung im Klinikalltag bieten.
Na ja, die App ist an einigen Stellen noch etwas statisch. Erst mal wurden nur bestehende Übersichtpläne der Einrichtung und Speisepläne für das Mittagessen eingearbeitet.
Eine echte Navigation zum Beispiel eine interaktive Karte gibt es noch nicht.. Um dies besser verstehen zu können, die Einrichtung in HO ist durch immer wieder angebaute Erweiterungen schon ziemlich verwinkelt, da braucht es ein paar Tage sich zurecht zufinden. Ein paar mal habe ich mich in den unterirdischen Gängen zwischen den Gebäuden richtig verlaufen.
Meine ideale Lösung für die Navigation sieht für mich heute schon wieder anders als vor sechs Jahren aus. GPS kommt nicht infrage, das ist einfach viel zu ungenau. Aber heute hat praktisch jeder ein Handy und jedes Handy eine Kamera. Für Menschen sieht jede Kreuzung in der Klinik ähnlich aus, Für den Computer nicht. Mittels Augmented Reality kann das Handy uns Tipps in Form von Pfeilen für den richtigen Weg geben.

Auch das Angebot des Mittagessen kann man erst einmal in der App nur einsehen und (noch) nicht in der App aktiv auswählen. Damals wurde durch den Lockdown am Platz serviert und das Essen für die gesamte Woche vorausgewählt, Bestimmt sind die inzwischen wieder zu Buffett zurückgekehrt. Meine letzte Reha ist jetzt ca. ein halbes Jahr her. Ich hätte mich sehr gefreut, wenn der Tausch des Menüs unkompliziert möglich gewesen wäre.

Interessant wird es bei der Verwaltung von Therapieterminen in der App. Die zahlreichen täglichen Termine haben mir damals sehr geholfen. Wir erhielten diese morgens immer aktuell nach dem Frühstück im Speisesaal. Eine optimale Verwaltung wäre auch hier über eine App bis kurz vor Beginn der Therapieeinheit möglich,
Auch hier ist erstmal in der App noch Baustelle, aber die Grundidee ist schon sichtbar. Im nächsten Schritt lässt sich sicher schon mal erkennen, wann und wo man zur Therapie muss und ob ein Therapeut sich morgens krank gemeldet hat und die Einheit eventuell ausfallen muss.
In einem zweiten Schritt könnte sich dann auch der Patient von der Therapie abmelden oder mir kommt gerade der ganz verwegener Gedanke, sogar Bereitschaft für Sondertherapieinheiten melden. Ich denke zum Beispiel an eine Reservierung des Laufbands um 18:30 im MTT Raum.

Ein sehr wichtiges Thema hatte ich damals bei meinen Überlegungen damals noch überhaupt nicht auf der Pfanne. Das Elektronisches Feedback per App. Dieses jetzt schon jetzt der Patient und der Angehörige über die App an die Mitarbeiter übermitteln.

Natürlich wäre nicht nur die Erfassung interessant, sondern auch die Darstellung der bisher erhaltenen Fragebögen. Das tut aber von den von mir bisher besuchten Rehaeinrichtungen niemand.
Ich habe vielen engagierten Mitarbeitern aus Hessisch Oldendorf viel zu verdanken. Daher gefällt mir das Feature Lächeln des Monats in der App besonders gut – ein schönes Zeichen dafür, dass Digitalisierung die menschliche Seite der Reha nicht verdrängt, sondern unterstützen kann.
Die App ist noch jung, noch an vielen Ecken Baustelle. Aber genau das stimmt mich hoffnungsvoll. Denn die entscheidende Erkenntnis ist da: Patienten und Angehörige sind nicht passive Objekte der Reha, sondern aktive Gestalter ihrer Genesung. Diese Einsicht wird die nächste Generation von Apps prägen – und damit auch die nächste Generation von Reha-Erfahrungen.
Sechs Monate in der BDH Einrichtung Hessisch Oldendorf, mein damaliger Text:
Digitalisierung der Neurologischen Reha im Jahr 2025, eine Utopie?
Vor vier Monaten hatte ich einen Schlaganfall. Mein Leben hat sich von einem Tag zum anderen vollständig geändert. Das rechte Bein und der rechte Arm sind stark betroffen. Ich sitze im Rollstuhl. Seit dieser Zeit bin ich in der Reha in Hessisch Oldendorf in der BDH-Klinik, in der ich mich sehr wohlfüh/e und an vielseitigen Therapien im angenehmen Zusammenspiel mit den Mitarbeitern teilnehme. Meine Genesung macht gute Fortschritte!
Digitalisierung im Zeitraffer
Eines ist jetzt schon deutlich geworden: Der Lockdown hat die Digitalisierung extrem beschleunigt. Ich frage mich, wie wird wohl eine vergleichbare Reha in der Zukunft aussehen? Ich sitze hier im sonnigen Garten der Klinik und denke über die mögliche Zukunft in fünf Jahren nach: Gestern bin ich in Hessisch Oldendorf angekommen. Ich kenne mich in der Einrichtung noch nicht gut aus. Wo geht es noch einmal zum Speisesaal? Ich rufe das WLAN-basierte, lokale Navigationssystem auf meinem Smartphone auf und ermittle meinen Standort. Das Gerät lenkt mich durch verständliche Ansagen umgehend zum Speisesaal. Die Einweisung durch die Mitarbeiter des Pflegedienstes war kurz und von der Informationsdichte sehr intensiv. Es sind bei mir noch viele Fragen offen. Auf dem neuen Kanal 98 im Klinikfernsehen laufen den ganzen Tag kurze Videos Über die Einrichtung und die angebotenen Therapien. Ich informiere mich Über die Physio- und Ergotherapie, insbesondere über das Armlabor und Über das sog. „Taubsche“ Training. Diese speziellen Schlaganfalltherapien waren mir bisher unbekannt. Warum soll ich zusätzlich ins Aufmerksamkeitstraining? Ich habe doch lediglich Probleme mit dem Arm und dem Bein. Auch hier erhalte ich durch das Video passende Antworten.
Digitale Visite
Ich habe noch viele Fragen an meinen Arzt. Mit der Beantwortung möchte ich nicht bis zur wöchentlichen Visite warten. Die wäre erst in vier Tagen. Ich stelle meine Fragen an das ärztliche Team per Mail und erhalte innerhalb von zwei Stunden eine Antwort auf dem gleichen Weg. Mein Blutdruck macht noch Probleme. Regelmäßige Blutdruckmessungen sind jetzt besonders wichtig. Die Werte werden von meiner Smartwatch automatisch in meine Dokumentationsakte übernommen und dienen als Beurteilungsbasis für die aktuelle Medikation.
Heute erhalte ich meinen ersten Therapieplan in digitaler Form direkt in die Kalenderfunktion meines Smartphones. Nur noch eine Handvoll Patienten ohne Smartphone erhält die Information noch in der bisher gewohnten Papierform. Der Tagesstart wird dabei für alle Beteiligten viel ruhiger, der Blick auch Über den heutigen Tag hinaus, wird damit möglich. Die Erinnerungsfunktion meines Kalenders in formiert mich, wann ich die vorangegangene Therapie spätestens verlassen muss, um die anstehende Therapie rechtzeitig zu erreichen. Auch Wegezeiten für weit auseinander liegende Therapieorte werden hier berücksichtigt.
Mehr Autonomie
Die Tage vergehen. Ich wünsche mir ein wenig Abwechselung in meinem Speiseplan. Ich rufe das entsprechende Menü auf meinem Telefon auf und wähle Joghurt als zusätzlichen Bestandteil des Abendbrots aus. Das tägliche Obst reduziere ich auf eine Portion pro Tag. Heute ist ein großer Tag.
Ich kann den Rollstuhl zum ersten Mal verlassen und laufe zukünftig am Stock. Jetzt müssen alle weiteren Therapien verändert und neu aufeinander abgestimmt werden. Mein Physiotherapeut nimmt ein kurzes Video auf und hinterlegt es zusätzlich in meiner Patientenakte.
Alle anderen mir zugeordneten Therapeuten werden automatisch hierüber informiert. Ich habe mit meinem Smartphone ebenfalls Zugriff auf diese wichtigen Informationen. Und auch meine Angehörigen zuhause können diesen wichtigen Moment am Tablet miterleben. In Hessisch Oldendorf habe ich während meines Aufenthalts viel erreicht.
Aber auch nach meiner Entlassung wird das Üben weitergehen. Ein ambulanter Physiotherapeut übernimmt diese Funktion. Auch er kann ebenfalls auf die Klinikdaten zugreifen und schon vor meiner Entlassung die weiteren notwendigen Maßnahmen gemeinsam mit mir planen. Für mich sind die neuen digitalen Angebote sehr wichtig, rücken sie doch meine Genesung noch mehr in den Mittelpunkt und binden mich allgemein besser ins Geschehen ein.