Von der Krise zur Stärke – Blind Sherlock – eine Perle im ZDF

Unser Fernsehprogramm ist meist ziemlich öde. Klischee reiht sich an Klischee, Wiederholung an Wiederholung. Doch manchmal findet sich überraschend eine kleine Perle.

Eine Behinderung im Laufe des Lebens zu bekommen, diese Erfahrung teile ich mit vielen Menschen. Wenn ein Unfall, ein Schlaganfall oder eine degenerative Erkrankung das Leben über Nacht verändert, dann geht es nicht nur um körperliche Anpassung. Es geht um die eigene Identität, um den Abschied, um die Frage: Wer bin ich noch?

Menschen mit erworbener Behinderung durchleben ungefragt eine besondere Reise. Sie müssen nicht nur lernen, mit ihrer neuen Situation zu leben — sie müssen auch ihre alte Identität loslassen und etwas neues aufbauen. Das ist anstrengend. Aber es kann auch zu erstaunlicher Stärke führen.

Die Geschichte von Bart Kelchtermans: Plötzlich blind

Der belgische Schauspieler Bart Kelchtermans war Mitte 20, als es passierte. Aus ungeklärter Ursache starben seine Sehnerven ab. In wenigen Monaten verlor er sein Augenlicht — fast vollständig. Ein Leben, das er kannte, war vorbei.

„Ich habe gelernt, dass ein Mensch stärker ist, als er denkt“, sagte er später in einem Interview. Das ist kein Motivations-Spruch. Das ist die Erkenntnis eines Menschen, der seine Grenzen neu definieren musste.

Kelchtermans hätte sich zurückziehen können. Viele tun das. Stattdessen machte er etwas Unerwartetes: Durch einen Freund erfuhr er, dass eine TV-Serie einen sehbehinderten Darsteller suchte. Ohne Schauspiel-Erfahrung bewarb er sich. Und bekam die Rolle.

Vom Rand zur Mitte — Die ZDF-Serie „Blind Sherlock“

Die Serie basiert auf einer wahren Geschichte. Der belgische Ermittler Sacha Van Loo arbeitete jahrelang bei der Polizei — als blinder Mann in einem sehenden Beruf. Was viele als Nachteil sehen würden, war seine größte Stärke: ein extrem geschärftes Gehör.

Endlich mal was anderes, als die immer gleichen Ermittlertypen in amerikanischen Städten.

In der Serie unterstützt der blinde Roman Mertens (gespielt von Bart Kelchtermans) eine Spezialeinheit der Kripo Rotterdam. Während die Ermittler gegen ein Drogenkartell kämpfen, zeigt Roman, was Menschen mit Behinderung können — nicht trotz ihrer Behinderung, sondern weil sie anders denken und wahrnehmen. Ein Sinn fehlt, der Betroffene konzentriert sich auf einen anderen, das kann wie hier ein Vorteil sein.

Viel Zeit nimmt in der Serie das Leben mit Behinderung ein. Roman entwickelt in der Story auch Selbstzeifel. Er wird bald Vater und hat gehörigen Respekt davor. Im Laufe der sechs Folgen muss er lebensgefährliche Einsätze meistern und persönliche Krisen bewältigen. Er besitzt keine Superkraft — das Schöne der Darstellung, er ist ausgesprochen menschlich.

Besonders Interessant für mich war, woran er im Filmalltag scheiterte, zum Beispiel dem Kaffee aus dem Automaten oder das Baden eines Babies.

Warum diese Serie wichtig ist

Für Menschen, die gerade eine Behinderung bekommen haben, kann „Blind Sherlock“ ein Anfang sein.

Der Hauptdarsteller ist nicht jemand, der es trotz Behinderung schafft, sondern jemand, der es mit seiner Behinderung schafft. Mich hat das sehr an meinen eigenen Fall nach meinem Schlaganfall vor sechs Jahren erinnert. Meine Welt hat sich von jetzt auf gleich total geändert. Was bleibt von einem noch?

Bart Kelchtermans selbst sagt es am besten: „Die Rolle wurde für mich zum Teil der Aufarbeitung meiner Behinderung. Jetzt will ich ein Vorbild sein für andere blinde oder sehbehinderte Menschen — insbesondere für diejenigen, die gerade erleben müssen, wie sie nach und nach ihr Augenlicht verlieren.“

Meine besondere Empfehlung für dich

Wenn du oder jemand in deinem Umfeld gerade mit einer Behinderung oder Krankheit kämpft — schau dir „Blind Sherlock“ an. Es ist ein Krimi, also auch einfach gute Unterhaltung. Ich habe die gesamten sechs Teile am letzten Wochenende gesehen.

https://www.zdf.de/serien/blind-sherlock-100#autoplay=true

Es ist ein Beweis dafür, dass dein Leben nicht vorbei ist, wenn dein Körper sich ändert. Es ist ein Beweis dafür, dass Stärke nicht aussieht, wie die Gesellschaft es wiederkehrend erwartet — dass es aussehen kann wie du und ich.

Die Serie läuft gerade im ZDF und ist auch in der Mediathek verfügbar.

Egal ob mit oder ohne Behinderung. Es lohnt sich wirklich. Ganz nebenbei auch wegen der vielen schönen Bilder unserer niederländischen Nachbarn. VIP aus Frankreich, Blind Sherlock aus den Niederlanden. Für mich geht dadurch ein Signal aus, Europa wächst weiter zusammen.

Und wenn du möchtest, erzähl mir gerne, was du über die Serie denkst.

Veröffentlicht von oschlenkert

männlich, 52 Jahre, verheiratet, 1 Kind, mitten im Leben ... und dann kam der Schlaganfall.

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