Liebe Frau Warken – Was teure Krankenkassen von günstigen lernen können

Liebe Frau Warken,

mein Name ist Olaf, ich hatte im Jahr 2020 einen Schlaganfall. Dank einer sehr guten Reha konnte ich aus dem Rollstuhl aufstehen und in meinen Beruf im IT Bereich eines großen Unternehmens zurückkehren und interessiere mich seitdem sehr für unser Gesundheitswesen. Folgende Tabelle über die Verwaltungskosten der Krankenkassen und deren Steigerung hat mich stutzig gemacht.

Warum sinken bei einigen Krankenkassen die Verwaltungskosten, während sie bei den meisten steigen? Machen die etwas besser als die Mehrheit der Kassen? Das ist eine der Fragen, die uns interessieren sollte.

Schauen Sie sich die Tabelle an: BKK firmus senkt ihre Kosten schon von niedrigem Niveau um 15,17 %, AOK Bremen um 31,27 %. Und dann: BKK Freudenberg um 66,89 % gestiegen, die KKH um 34,63 %. Das ist ein Unterschied wie Nacht und Tag. Aber hier liegt nicht Unfähigkeit vor – sondern die Essenz dessen, wie eine Krankenkasse arbeitet.

Meine These: Die teure Kasse kann von der günstigen lernen. Weil die effiziente Kasse etwas verstanden hat, das die teure noch nicht umgesetzt hat: Digitalisierung und schlanke Strukturen.

Hier ist die aktuelle Übersicht der Nettoverwaltungskosten je Versicherten, basierend auf den offiziellen Jahresrechnungsergebnissen vom November 2024 (Daten für 2023 / 2024):

Krankenkasse 2020 2024 Veränderung 2020 – 2024
BKK firmus 98,94 € 83,93 € -15,17 %
BKK EUREGIO 73,17 € 86,62 € 18,38 %
hkk Krankenkasse 111,98 € 102,78 € -8,22 %
Techniker Krankenkasse (TK) 108,76 € 109,91 € 1,06 %
Audi BKK 104,56 € 113,47 € 8,52 %
IKK gesund plus 98,32 € 119,59 € 21,63 %
BKK Faber-Castell & Partner 104,89 € 123,31 € 17,56 %
BKK Linde 126,95 € 127,20 € 0,20 %
HEK – Hanseatische Krankenkasse 128,63 € 136,35 € 6,00 %
BKK VerbundPlus 131,56 € 137,61 € 4,60 %
BKK exklusiv 112,40 € 138,15 € 22,91 %
BKK SBH 127,01 € 138,93 € 9,39 %
TUI BKK 123,45 € 139,43 € 12,94 %
Salus BKK 125,04 € 145,79 € 16,59 %
BAHN-BKK 134,04 € 146,95 € 9,63 %
IKK – Die Innovationskasse 183,64 € 150,48 € -18,06 %
mhplus Krankenkasse 129,55 € 152,87 € 18,00 %
R+V Betriebskrankenkasse 141,55 € 153,61 € 8,52 %
SBK 143,70 € 155,47 € 8,19 %
BKK Akzo Nobel Bayern 119,64 € 156,08 € 30,46 %
BKK Scheufelen 126,55 € 156,21 € 23,44 %
BARMER 148,56 € 156,59 € 5,41 %
Bosch BKK 148,36 € 157,65 € 6,26 %
BKK HERKULES 122,49 € 157,73 € 28,77 %
BKK Public 146,44 € 160,39 € 9,53 %
Debeka BKK 143,91 € 161,03 € 11,90 %
BKK PFAFF 135,87 € 162,54 € 19,63 %
BKK ProVita 137,74 € 164,76 € 19,62 %
Bertelsmann BKK 146,67 € 164,99 € 12,49 %
Continentale BKK 140,66 € 167,77 € 19,27 %
AOK Hessen 164,74 € 169,80 € 3,07 %
SKD BKK 133,45 € 170,73 € 27,94 %
vivida bkk 170,74 €
BIG direkt gesund 136,30 € 171,05 € 25,50 %
mkk – meine krankenkasse 162,88 € 171,32 € 5,18 %
SECURVITA Krankenkasse 133,00 € 172,96 € 30,05 %
AOK PLUS 152,06 € 173,18 € 13,89 %
IKK Südwest 152,69 € 175,94 € 15,23 %
AOK NordWest 169,58 € 176,68 € 4,19 %
Mobil Krankenkasse 133,15 € 177,27 € 33,14 %
BKK Werra-Meissner 135,13 € 177,74 € 31,53 %
AOK Niedersachsen 171,71 € 177,76 € 3,52 %
WMF BKK 135,63 € 178,82 € 31,84 %
energie-BKK 158,55 € 178,95 € 12,87 %
bkk melitta hmr 186,76 € 183,68 € -1,65 %
AOK Baden-Württemberg 158,50 € 186,82 € 17,87 %
BKK Diakonie 157,37 € 187,35 € 19,05 %
AOK Rheinland/Hamburg 222,41 € 187,87 € -15,53 %
AOK Bremen/Bremerhaven 277,96 € 191,05 € -31,27 %
BKK WIRTSCHAFT & FINANZEN 184,08 € 191,51 € 4,04 %
BERGISCHE KRANKENKASSE 175,37 € 191,95 € 9,45 %
AOK Bayern 198,13 € 192,71 € -2,74 %
BKK VDN 168,16 € 193,39 € 15,00 %
AOK Nordost 220,36 € 199,63 € -9,41 %
IKK classic 160,49 € 200,56 € 24,97 %
Pronova BKK 176,66 € 201,43 € 14,02 %
DAK Gesundheit 191,42 € 201,73 € 5,39 %
novitas bkk 168,63 € 202,68 € 20,19 %
AOK Sachsen-Anhalt 194,50 € 204,16 € 4,97 %
BKK24 141,61 € 206,02 € 45,48 %
VIACTIV Krankenkasse 177,89 € 213,52 € 20,03 %
AOK Rheinland-Pfalz/Saarland 210,12 € 215,80 € 2,70 %
ZF BKK 167,08 € 217,55 € 30,21 %
BKK Pfalz 169,18 € 219,36 € 29,66 %
KNAPPSCHAFT 216,12 € 221,96 € 2,70 %
BKK GILDEMEISTER SEIDENSTICKER 155,83 € 222,89 € 43,03 %
Heimat Krankenkasse 152,60 € 224,63 € 47,20 %
BKK DürkoppAdler 186,75 € 225,10 € 20,54 %
BKK Freudenberg 144,20 € 240,65 € 66,89 %
KKH Kaufmännische Krankenkasse 181,28 € 244,05 € 34,63 %

Die Fakten aus der aktuellen Forschung:

1. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Kassengröße und Effizienz – Das ist das große Missverständnis der politischen Debatte. Eine Metaanalyse der Finanzzkommission Gesundheit zeigt: Große Kassen sind nicht automatisch günstiger. Im Gegenteil – oft sind sie träger, bürokratischer, teurer. Die Betriebskrankenkassen mit ihrer Spannbreite von 74 bis 259 Euro zeigen: Es kommt nicht auf die Größe an, sondern auf den Betriebsaufwand.

2. Digitalisierung ist der Gamechanger – Laut Deloitte-Studie können die Kassen durch konsequente Digitalisierung und KI-Einsatz bis zu 13 Milliarden Euro pro Jahr einsparen. Das ist fast ein Viertel der gesamten Verwaltungskosten. Konkrete Beispiele:

  • Automatisierte elektronische Arbeitsunfähigkeitsmeldungen: Bearbeitungszeit von 5 auf 2 Werktage gesenkt
  • Robotic Process Automation: 70% Zeitersparnis bei Datenverarbeitung
  • KI-gestützte Chatbots: Beratung 24/7 verfügbar, Mitarbeiter entlastet

3. Die günstigen Kassen machen es anders – Nehmen Sie BKK firmus mit 83,93 Euro: Diese Kasse hat kapiert, dass man nicht wachsen muss, um effizienter zu sein. Sie nutzt:

  • Digitale Prozessautomatisierung
  • Flache Hierarchien (schlanke Strukturen kosten weniger Verwaltung)
  • Fokus auf Kundenservice statt Bürokratie

Die Realität: Ein Mitarbeiter der Krankenkasse betreut heute im Schnitt 563 Versicherte, 2005 waren es nur 519. Das ist Effizienzgewinn durch Digitalisierung – und zwar ohne Personal zu kürzen, sondern durch bessere Systeme.

Das Paradoxe

Die Kassen investieren zu wenig in diese Transformation. Sie sind finanziell angespannt, weshalb sie gerade keine Millionen in intelligente Automation stecken.

Die Kassen, die ihre Kosten senken – wie BKK firmus oder die AOK Bremen – haben verstanden, dass Effizienz nicht durch Größe entsteht, sondern durch intelligente Prozesse. Wenn mehr Kassen diesem Vorbild folgen würden, würde das gesamte System profitieren: schnellere Bearbeitung, bessere Versorgung, weniger Bürokratie.

Wie wäre ein verpflichtender Austausch der Kassen im mittleren Management über erfolgte Transformationserfahrungen? Getreu dem Motto, wie können wir die Erfahrungen der BKK firmes für alle nutzbar machen?

Wie wäre es, wenn nicht fast 100 unterschiedliche Infrastruktursysteme und Bereichssoftwaresysteme existieren würden, sondern wir uns auf 10 bis 20 kassenübergreifende Systeme konzentrieren würden?

und zu guter Letzt:

Wie wäre es, nicht nur Fachleute an dem Transformationsprozess zu beteiligen, sondern auch Betroffene mit Erfahrungen aus dem gesunden Menschenverstand? Zum Thema sinnvolle Rehamassnahmen würden mir adhoc viele Einsparpotentiale einfallen.

Das ist kein theoretisches Problem. Das ist das Fundament, auf dem Menschen mit schweren Erkrankungen – wie Schlaganfallpatienten – Hilfe bekommen oder eben nicht. Je effizienter die Verwaltung, desto mehr bleibt für die Hilfe. Und je mehr Hilfe, desto besser die Chancen.

Mit herzlichen Grüßen,
Ihr Olaf


Datengrundlage: Pflichtveröffentlichung der Jahresrechnungsergebnisse der Krankenkassen nach § 305 b SGB V. Die Veröffentlichung erfolgte im November 2024 für das Jahr 2023. Quelle: krankenkassen.de

Es gab auch schon eine kurze Antwort des BMG, ich halte euch auf dem Laufenden:

Ihre Kontaktaufnahme mit dem Bundesministerium für Gesundheit

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Informationen werden grundsätzlich gern zur Verfügung gestellt. Diese müssen jedoch auf Informationen, die Sie auf unserer Internetseitefinden, begrenzt werden. Recherchen oder Antworten auf umfangreiche Fragestellungen können nicht geleistet werden.

(Telefon-)Gespräche mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des BMG sind nicht möglich. Bitte haben Sie dafür Verständnis.

Grundsätzliche Hinweise zur Zuständigkeit des BMG

  • Die Kranken- und Pflegekassen bzw. die privaten Versicherungsunternehmen sind für die Anwendung und Auslegung des Kranken- und Pflegversicherungsrechts zuständig. 
    Das BMG hat weder die Möglichkeit noch die Berechtigung, die Entscheidungen einzelner Kranken- und Pflegekassen bzw. privater Versicherungsunternehmen zu beeinflussen oder zu überprüfen. Wenn Versicherte mit einer Entscheidung ihrer Kranken- oder Pflegekasse bzw. ihres privaten Versicherungsunternehmens nicht einverstanden sind, haben sie verschiedene Möglichkeiten. Informationen hierzu finden Sie auf unserer

    Veröffentlicht von oschlenkert

    männlich, 52 Jahre, verheiratet, 1 Kind, mitten im Leben ... und dann kam der Schlaganfall.

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