Das Verlags-Gespräch oder Die Wirtschaft der Kostenlosigkeit

Ich gestalte meinen Schlaganfallblog ganz alleine. Ich kann mich daher nicht vor der Veröffentlichung mit anderen über meine Beiträge austauschen. So trete ich mit mir selber in Dialog. Diese fiktive Dialoge kann ich mir im Vorhinein überlegen und mit ein wenig Hilfe in einem bekannten Stil gestalten.

Im Juli des letzten Jahren habe ich mein Buch zu den Erfahrungen nach meinem Schlaganfall veröffentlicht. Wie viele Menschen haben es sich bisher angesehen? Meine gerade erstellte Statistik gibt Auskunft.

Erinnert ihr euch noch an Ephraim Kishon? Ich finde seinen Stil sehr geeignet zur Präsentation meiner Grafik.

Ephraim Kishon. Sein Schwerpunkt lag in der humoristischen Darstellung des israelischen Alltags und seines Familienlebens. Er schrieb zumeist Kurzgeschichten, aber auch Theaterstücke und Drehbücher. Kishon gilt als einer der erfolgreichsten Satiriker des 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum.

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Büro des ältlichen Verlegers. Beide Männer im Raum haben entschieden ein paar Pfunde Zuviel. Die Downloadstatistik hängt an der Wand. Olaf sitzt dem Verleger gegenüber, der gerade mit Rotstift Notizen macht.

Verleger (schaut auf die Grafik): Am 20.07.25 haben wir ihr Buch über ihr zweites Leben nach dem Schlaganfall veröffentlicht. 241 Downloads bisher. Sie haben das Ziel bis zu ihrem Geburtstag 200 Exemplare zu verbreiten, übertroffen. Herzlichen Glückwunsch übrigens noch. Aber jetzt müssen wir handeln, während die Aufmerksamkeit noch warm ist.

Olaf: Im aktuellen Monat waren es 5 Downloads. Das ist nicht wirklich warm. Ich würde mich über etwas mehr Feedback freuen.

Verleger: (schiebt ein Papier über den Tisch) Zwei neue eBooks, das wäre etwas.

Olaf: Lieber Verleger, mein Buch kostet nichts. Es kann einfach auf meinem Blog herunter geladen werden. Ich hoffe, dass es vielen Betroffenen hilft? Damit sie weniger Zeit in ihrer Rehabilitation als ich verlieren.

Verleger (nickt) Ja, deshalb ist es perfekt. Mehr kostenlose Inhalte = mehr Reichweite. Niemand braucht wegen des Preises lange zu überlegen.

Das ist die Zukunft des Publizierens.

Olaf: Sie wollen, dass ich kostenlos mehr Bücher schreibe?

Verleger: Genau! Ein Autor mit mehreren Werken ist eine Marke. Hemingway war nicht einfach Autor – Hemingway war ein Universum.

Olaf: Hemingway hat Geld bekommen.

Verleger (ignoriert das) Sie schreiben über ihren Schlaganfall. Über die downs und Ups. Über die fast unbekannten Dinge, die ihnen sehr geholfen haben.

Aber wissen Sie, was noch interessant ist? Was folgt auf ihre Genesung. Die Welt hat sich weiter entwickelt. Es gibt die digitale Patientenakte, neue digitale Hilfsmittel. Dinge, die vor fünf Jahren noch nicht möglich waren. Ärzte und Therapeuten sollten zunehmend mehr über ihre Patienten wissen.

Darüber ließe sich schreiben. Das komplette Ökosystem – alles kostenlos, alles zu Ihrer Marke führend.

Olaf: Und wer zahlt mich dafür?

Verleger: Die Zukunft zahlt in Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit ist das neue Geld.

Olaf: Ich kann Aufmerksamkeit nicht in Supermärkte mitnehmen. (pausiert) Mein Buch kostet nichts – es hat mich Zeit gekostet, nicht Geld. Es hat Ihnen als EBook keine Produktionskosten gekostet.

Und jetzt wollen Sie, dass ich mehr solcher Bücher schreibe, damit Sie eines Tages vielleicht einen Sponsor finden?

Verleger (lehnt sich zurück) Sie sind hartnäckig.

Olaf: Ich bin ein Schlaganfall-Überlebender. Hartnäckigkeit ist meine stärkste Therapie.

Verleger (nickt) In Ordnung. Aber denken Sie dran: Die 241 Downloads sind Proof of Concept. Das Buch funktioniert. Die richtige Frage ist nicht, ob Sie Geld bekommen. Die richtige Frage ist: Wollen Sie diese Reichweite ausbauen oder nicht?

Olaf (schaut auf die Grafik): Wenn ich es ausbaue – kriege ich wenigstens langfristig Geld?

Verleger: Langfristig, zögern vielleicht. Kurzfristig, nein.

Olaf: (seufzt) Das ist nicht fair.

Verleger: Das ist digital. Fair ist ein Konzept aus der Papier-Ära. (lehnt sich vor). Ich liste es prominent auf meiner Website. Ich mache eine kleine Kampagne auf Social Media. Kostet mich wenig, bringt Ihnen Exposure.

Olaf: Und ich kriege… überhaupt nichts.

Verleger: Sie kriegen die Hoffnung auf die Zukunft.

Olaf (schaut auf die Grafik) Die Grafik zeigt, dass die Zukunft volatil ist. Im Oktober waren es 8 Downloads.

Verleger: Der Oktober war ein Fehler. Im Dezember, Februar und März waren Sie stark. Das zeigt: Wenn Sie aktiv sind, funktioniert es.

Olaf: Wenn ich aktiv bin – auf meinem Blog. Nicht durch zusätzliche kostenlose Bücher.

Verleger (nickt langsam) Das ist… auch fair. (pausiert) Also: Sie schreiben weiter auf Ihrem Blog. Und Sie denken darüber nach, ob Sie noch ein zusätzliches Projekt machen wollen.

Olaf (nach einer Pause) Das ist das erste Mal, dass Sie etwas Vernünftiges sagen.

Verleger: Das ist nicht das erste Mal. Aber es ist das erste Mal, dass Sie zuhören. (steht auf) Denken Sie drüber nach. Sie sind kein klassischer Autor – Sie sind ein Denker, der schreibt. Das ist wertvoll. Aber wertvoll muss sichtbar sein.

Olaf schaut noch einmal auf die Grafik. 241 Downloads. Die Achterbahn des Anfangs.

Olaf: Okay. Ich überlege mir das.

Verleger (lächelt) Das ist alles, was ich hören wollte.

Der Verleger schaut auf die Grafik. Irgendwo in der Zukunft: eine Möglichkeit, dass es mehr werden. Vielleicht. Wenn der Autor nicht vorher aufgibt.

Das Gespräch zwischen mir und dem Verleger ist natürlich komplett fiktiv, eure Downloads meines Buches nicht. Vielen Dank dafür. Hat euch mein Buch geholfen? Ich freue mich über eure zKommentare.

Veröffentlicht von oschlenkert

männlich, 52 Jahre, verheiratet, 1 Kind, mitten im Leben ... und dann kam der Schlaganfall.

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