Aus meinen Geschichtsbüchern – Die drei Leben des Alan Turing

Ich bin immer wieder erstaunt, dass Dinge, die wir heute wie selbstverständlich nutzen, vor einigen Dekaden noch gar nicht bekannt waren. Und dass die Erfinder heute fast vergessen sind. Wie in diesem Fall, einer wirklich traurigen Geschichte.

Der britische Mathematiker, Kryptoanalytiker und Informatiker Alan Turing gilt als Vater der modernen Informations- und Computertechnologie. Schon in früher Kindheit zeigte sich die hohe Begabung und Intelligenz Turings. Es wird berichtet, dass er sich innerhalb von drei Wochen selbst das Lesen beibrachte und sich schon früh zu Zahlen und Rätseln hingezogen fühlte.

Die Anfänge, vor allem theoretische Überlegungen

Alan Turing war seiner Zeit meist einen Schritt voraus: Computer waren aus heutiger Sicht noch gar nicht erfunden. So muss sich Turing vor dem Zweiten Weltkrieg hauptsächlich mit dem theoretischen Konstrukt beschäftigen. Bereits mit 24 Jahren legt Turing einen legendären Aufsatz über „Computable Numbers“ vor. Er beschreibt in einem Gedankenexperiment einen abstrakten Rechenautomaten: die sogenannte „universelle Turing-Maschine“. Eine Maschine, die viele Probleme lösen kann: dank vieler unterschiedlicher Programme. Zu dieser Zeit waren mechanische Rechner immer nur auf ein Problem spezialisiert. Turing nimmt so nichts weniger als das Konzept des „modernen Computers“ vorweg: die Trennung von Hardware und Software; und er beschreibt die Idee einer „speicherprogrammierten“ Maschine. Sein Dilemma, diese Maschine konnte zu dieser Zeit noch nicht gebaut werden. Der Aufsatz gilt heute ein Meilenstein der theoretischen Informatik.

Alan Turing Quelle: FAZ

Fast allein gegen die Nazis

Während des Zweiten Weltkriegs ist Turing Teil eines Geheimprojekts, wird quasi zum staatlich beauftragen „Hacker“. In Bletchley Park, einem kleinen Ort unweit von London, versuchen die Engländer den Nachrichtenverkehr der deutschen Wehrmacht zu entschlüsseln. Die schreibmaschinengroße Enigmamaschine selbst haben die Engländer schnell erbeutet. Doch damit kann man die damit versendeten Nachrichten noch nicht entschlüsseln. Das Problem ist die Unkenntnis des aktuell gewählten Verschlüsselungscodes. Doch Turing hat eine geniale Einsicht: Wenn man aus bereits geknackten Nachrichten einen Teil kennt, beispielsweise den Wetterbericht, reduzieren sich die möglichen Kombinationen beträchtlich.

Doch per Hand sind die für die Decodierung nötigen Berechnungen nicht zu bewältigen. Der Ingenieur Turing sucht daher eine praktische Lösung für die Beschleunigung der notwendigen Operationen. Die Lösung, eine darauf spezialisierte Maschine. Diese nach Turing benannten Bomben kamen dann hundertfach zum Einsatz und halfen die Funksprüche der Deutschen zu entschlüsseln. Die Bedeutung der Arbeiten in Bletchley Park wird heute als stark kriegsverkürzend eingestuft, der Verdienst von Alan Turing blieb jedoch aus Geheimhaltungsgründen bis in die siebziger Jahre im Dunklen.

Einen guten Einblick in Turings Wirken in dieser Zeit bietet der Film „The Imitation Game“. Zeigt er doch Turings nicht einfachen Charakter. Wer sich für die Grundlagen der Verschlüsselung interessiert, dem empfehle ich das Buch „Geheime Botschaften“ von Simon Singh.

Nachkriegszeit, der vergessene Held

Nach dem Krieg arbeitete Turing an der notwendigen Hardware für einen ersten „echten“ Computer und machte sich 1945 am „National Physical Laboratory“ in London an ein Großprojekt, den Bau einer großen Rechenanlage, der sogenannten „Automatic Computing Engine“. Als die Maschine 1950 fertig wird, ist sie der schnellste Rechner der Welt.

Turing ist jedoch nicht nur ein Pionier in Sachen „Computerarchitektur“. Er erkennt auch früh, dass „Software“ immer komplexer und mächtiger werden wird. Er fragt sich: Können programmierte Maschinen tatsächlich „intelligent“ sein? Um das zu prüfen, schlägt er den sogenannten Turing-Test vor: Eine Testperson unterhält sich via Tastatur mit zwei ihr unbekannten Gesprächpartnern. Der eine ist ein Mensch, der andere eine Maschine. Wenn der Tester Mensch und Maschine aufgrund ihrer Antworten nicht unterscheiden kann, hat die Maschine den Test bestanden. Bis heute lässt diese „Intelligenz“ aber auf sich warten. Zu hundert Prozent bestanden hat den Test bis heute keine einzige Maschine.

Im März 1952 wurde Turing wegen seiner bekannt gewordenen Homosexualität, die damals noch als Straftat verfolgt wurde, zur chemischen Kastration verurteilt. Turing erkrankte in Folge der Hormonbehandlung an einer Depression und starb etwa zwei Jahre später durch Selbstmord mit einem von ihm vergifteten Apfel.

Dieser Text stammt aus meinen Artikeln für die Tagespost während meiner Reha in Hessisch Oldendorf.

Foto von Andrea Piacquadio von Pexels

Veröffentlicht von oschlenkert

männlich, 52 Jahre, verheiratet, 1 Kind, mitten im Leben ... und dann kam der Schlaganfall.

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