Sechs Uhr morgens, damals meine beste Zeit in der Therapie

Montag Abend bin ich durch Zufall auf DMAX gelandet. Die Gebrauchtwagenhändler. Was für eine schöne und unerwartete Erinnerung an die Zeit kurz nach meinem Schlaganfall.

Es war 6 Uhr morgens in der Reha-Klinik in Hessisch Oldendorf 2020. Ich lag noch im Bett, die rechte Seite des Körpers nach dem Schlaganfall noch sehr eingeschränkt. Ich war allein mit einem kleinen Flachbildschirm und der Frage, wie mein nächstes halbe Jahr aussehen würde?

Dann kam Wheeler Dealers auf den Schirm. Mike Brewer, irgendwo in England, würde einen alten, beschädigten Wagen kaufen. Edd China, sein Mechaniker, würde ihn studieren und dann – Schritt für Schritt – nicht einfach reparieren. Sondern verwandeln. Ein kaputtes Auto würde zu einer Perle werden. Technisch wie neu. Aber immer noch es selbst mit der bestehenden Patina.

Ich verstand sofort: Das ist ein Lehrstück für mich. Und nicht nur über Autos.

Sechs Monate lang saß ich jeden Morgen um 6 Uhr vor dieser Serie. Jeden Morgen.

Ärzte empfehlen Routine – irgendetwas, das den Tag ankert, bevor die Arbeit anfängt. Für andere ist es Kaffee. Für mich war es Mike Brewer, der gerade wieder ein hoffnungsloses Wrack aus einer Auktion karrt.

Und ich sah die Parallele, die sofort offensichtlich war: Mike und Edd machten jeden Tag genau das, was auch ich tat.

Sie fangen mit einem unscheinbaren häßlichem Entlein an

Das Auto ist am Anfang der jeweiligen Folge beschädigt, rostig, nicht fahrtüchtig. Aber das ist nicht das Ende – es ist der Anfang. An einem Morgen war es eine 1965 Land Rover Series II, völlig durchgerostet. An einem anderen ein 1988 Ford Mustang 5.0, Motor am Ende, Innenraum zerstört.

Und dann – an einem Morgen, der mich besonders gefiel– war es ein Morris Minor Traveller von 1966, ein britischer Klassiker mit Holzrahmen hinten. Ein wenig aus der Zeit gefallen. Ja, Autos können auch Mitte der sechziger Jahre noch aus Holz sein.

In den Sendungen kamen nicht einfach irgendwelche Autos vor. Sondern Autos mit Charakter. Mit einer Geschichte. Mit Teilen, die nicht einfach „ersetzt“ werden können – die müssen mit Respekt vor ihrer Herkunft erneuert werden.

Sie zerteilen die Arbeit in täglich bewältigbare Schritte:

Aber nicht mit dem Ziel, es „wieder brauchbar“ zu machen. Das Ziel ist Perfektion, nur eben in Häppchen. Ein Tag die Elektrik. Der nächste Tag die Bremsen. Der nächste das Leder. Bei dem Morris Minor Traveller war es: der Holzrahmen hinten.

Das ist mit handwerkliche Sorgfalt verbunden. Die verfaulten Holzteile müssen identifiziert, entfernt, und durch neue ersetzt werden – aber die neuen Teile müssen exakt passen, exakt die gleiche Linie haben, damit der Morris Minor immer noch ein Morris Minor aussieht. Nicht ein kaputter Morris Minor, der repariert wurde. Ein Morris Minor, der erneuert wurde.

Sie haben zwei verschiedene Menschen mit zwei verschiedenen Fähigkeiten:

Mike sieht das Potential unter dem Rost. Edd sieht die Lösung unter dem Problem – immer mit seinen orangenen Latex-Handschuhen bewaffnet. Sie reiben sich, natürlich – Mike will schnell fertig, Edd will es möglichst perfekt machen. Aber das ist genau der Punkt: Schnell und richtig sind nicht das Gegenteil voneinander, wenn man weiß, wie man die Interessen zusammen bringen kann.

Eine Woche. Nicht um ein Auto „notdürftig repariert“ zu verkaufen, sondern um es zu einem Stück umgewandelt zu haben, das sich anfühlt wie eine zweite Chance.

Und am Ende einer jeden Woche ist das Auto eine Perle.

Nicht ein nur bisschen besser. Eine Perle. Ohne dabei den Charakter des Wagens zu verlieren .

Der Motor, er läuft wie neu. Die Bremsen, sie greifen präzise wie am Tag der Fabrikation. Der Holzrahmen des Morris Minor glänzt nicht einfach wieder – er ist wieder neu, aber es ist immer noch Holz, immer noch das gleiche Morris Minor Traveller Design von 1966.

Der Morris Minor Traveller von 1966: Kam an mit verfaultem Holzrahmen hinten – ein Auto, das niemand „eben mal“ repariert. Edd ersetzt die Holzteile Stück für Stück, sorgt dafür, dass jede neue Feder, jede neue Strebe exakt passt. Am Ende: ein Morris Minor, der aussieht wie aus der Fabrik von 1966. Aber technisch erneuert. Das Holz ist neu. Das Auto ist alt. Beides stimmt.

Die Therapeuten sagten mir: „Kleine Ziele. Regelmäßigkeit. Geduld.“ Das war richtig.

Menschen verstehen besser durch Erzählung als durch Anleitung. Mike Brewer und Edd China waren die Erzählung bei mir.

Edd China ist 2017 aus der Serie ausgestiegen – genau in diesem Jahrzehnt, in dem ich die alten Episoden anschaute. Das war der Moment, in dem die beiden noch eine perfekte Gegensätzlichkeit hatten: der ungeduldig Optimist und der gründlich Perfektionist, der Mann mit dem Deal und der Mann mit den orangenen Handschuhen.

Aber in meinem halben Jahr war die Chemie zwischen den beiden intakt. Mike und Edd standen jede Morgen um sechs Uhr vor mir und zeigten mir das Wunder der Perlenbildung: dass man eine 1965 Land Rover Series II, völlig durchgerostet, wieder zu sich selbst macht – nur technisch wie am Tag der Fabrikation. Dass man einen toten Mustang-Motor ausbaut, erneuert, wieder einbaut – und plötzlich fährt wieder ein Mustang. Und dass man einen 1966er Morris Minor Traveller mit verfaultem Holzrahmen nimmt, die Holzteile sorgfältig erneuert – und herauskommt wieder ein Morris Minor, der aussieht wie aus 1966, nur dass jedes Stück neu ist.

Danke, Mike. Danke, Edd. Ihr habt mich gelehrt, dass ein zerstörtes Auto nicht das Ende bedeutet. Es bedeutet: Zeit nehmen für eine potentielle Perle. Und dass man nach einem halben Jahr, von 6 bis 7 Uhr, nicht einfach der alte wird. Man wird in der Zeit langsam wieder zu sich selbst – wieder fahrtüchtig, Charakter bewahrt. Fahrtüchtig. Eine Perle, nur etwas anders.

P.S. Ich habe jetzt jeden Montag 20:15 wieder ein Date. Ich freue mich sehr auf die kommenden Wochen.

Veröffentlicht von oschlenkert

männlich, 52 Jahre, verheiratet, 1 Kind, mitten im Leben ... und dann kam der Schlaganfall.

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