Das Problem mit dem vertikalen Strich

Ich stand heute also am Strand von Villers-sur-Mer, auf einer Metallschwelle mit der Aufschrift „MERIDIEN DE GREENWICH“, und dachte mir: komisch, dass ausgerechnet eine unsichtbare Linie so viel Ärger gemacht hat.

Fangen wir vorne an.

Ein Strich, viele Besitzansprüche

Der Äquator ist der Natur geschenkt – die Erde dreht sich, fertig, da ist die Mitte. Aber die Länge, der vertikale Strich von Pol zu Pol? Den musste sich irgendjemand ausdenken. Und weil jede seefahrende Nation ungern zugab, dass ein anderes Land den Nullpunkt der Welt für sich beanspruchen durfte, hatte im 19. Jahrhundert praktisch jeder seinen eigenen: Paris, Kairo, Rom, Kopenhagen. Stellt euch vor, ihr müsstet bei jeder Positionsangabe erst fragen, in welcher Währung der andere gerade rechnet.

1884 traf man sich in Washington und einigte sich – mehr oder weniger – auf Greenwich. Der Grund war nicht Prestige, sondern schlichter Pragmatismus: Rund 70 Prozent der Welthandelsschifffahrt navigierte damals schon nach Seekarten, die auf Greenwich basierten. Frankreich blieb trotzig und rechnete offiziell noch bis 1911 nach Paris weiter – und selbst dann nur mit dem hinreißend unterschwelligen Kompromiss „Pariser Zeit, verzögert um 9 Minuten und 21 Sekunden“. Niemand wollte das Wort „Greenwich“ in den Mund nehmen. Villers-sur-Mer, das zufällig genau auf dem Nullmeridian liegt, hat diesen kleinen nationalen Trotz bis heute liebevoll in Beton gegossen – Sonnenuhr, Bodenmarkierung am Strand.

Warum Greenwich überhaupt navigationsfähig wurde

Und hier kommt der eigentlich interessante Teil, der mit Seefahrt und nicht mit Diplomatie zu tun hat.

Breitengrad war nie das Problem. Sonnenstand messen, fertig. Der Längengrad dagegen verlangte etwas, das im 18. Jahrhundert schlicht nicht existierte: eine Uhr, die auf einem schwankenden, feuchten, temperaturschwankenden Schiff über Wochen hinweg exakt ging. Denn das Prinzip ist simpel – man braucht die Bordzeit und gleichzeitig die Zeit an einem Referenzort. Der Unterschied verrät die Position. Nur: Pendeluhren auf See gingen so verlässlich wie ein Kompass neben einem Weinkeller.

1707 lief die Ursache dieses Problems auf spektakuläre Weise auf: Vor den Scilly-Inseln zerschellten mehrere Schiffe der Royal Navy, weil niemand an Bord wusste, wo man eigentlich war. Tausende Tote. Das britische Parlament reagierte 1714 mit dem Longitude Act – einem Preisgeld für jeden, der eine praxistaugliche Lösung liefern konnte.

Gewonnen hat, im Grunde, ein Tischler. John Harrison, ohne akademische Ausbildung, ohne Naval-Observatory-Stallgeruch, entwickelte über Jahrzehnte hinweg seine Chronometer H1 bis H4 – Uhren, die auch auf hoher See genau blieben. Die Royal Navy kombinierte diese Instrumente mit dem Nautical Almanac, den das Royal Observatory in Greenwich seit 1767 herausgab. Und genau diese Kombination – Harrisons Präzision plus Greenwichs Referenzzeit – machte Greenwich schon ein Jahrhundert vor der offiziellen Einigung von 1884 zum faktischen Standard der Weltmeere.

Wer wie ich mit Hornblower aufgewachsen ist: In den Romanen, die in den Napoleonischen Kriegen spielen, war die Navigation über Harrison-Chronometer längst Alltag an Bord. Kein Zufall, dass sich fiktive und reale Seefahrt hier so genau treffen.

Wofür man das Ganze überhaupt braucht

Zwei Dinge hängen bis heute an diesem einen Strich:

  • Position: Längengrad plus Breitengrad ergibt jeden Ort der Welt eindeutig – auch das GPS in eurer Hosentasche rechnet noch relativ zu Greenwich.
  • Zeit: Die Weltzeit UTC (früher GMT) zählt von Greenwich aus in 24 Zonen nach Osten und Westen.

Ich fand es dann doch ziemlich schön, mit den Füßen auf dieser Linie zu stehen, einmal im Westen und einen Schritt weiter im Osten unseres Planeten.

Kurz noch ein Tipp für die langen kommenden Winterabende. Dava Sobel Längengrad, wenn ihr mehr über den „Strich“ erfahren wollt.

Veröffentlicht von oschlenkert

männlich, 52 Jahre, verheiratet, 1 Kind, mitten im Leben ... und dann kam der Schlaganfall.

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