Es gibt Orte, da erklärt einem die Natur die Physik, ohne dass man vorher gefragt hat. Villers-sur-Mer ist so ein Ort.
Villers-sur-Mer liegt an der Côte Fleurie, gleich neben den mondäneren Nachbarn Deauville und Trouville, aber deutlich bodenständiger – hier stehen noch echte Fischerhäuser direkt am Wasser und keine reinen Ferienvillen. Berühmt ist der Ort für zwei Dinge, die wenig miteinander zu tun haben: die Falaises des Vaches Noires, die „schwarzen Kühe“, ein bröckelndes Kliff westlich des Orts, in dem regelmäßig Fossilien aus dem Jura auftauchen – Ammoniten, manchmal sogar Saurierknochen. Und den Nullmeridian, der praktisch mitten durch den Ort verläuft; eine Meridianlinie ist am Strand markiert, und Villers nennt sich stolz „Porte du Méridien de Greenwich“. Dazu ein breiter, offener Sandstrand, der bei Wind aus der falschen Richtung seine ganz eigene Note beisteuert.
Man geht die zwei Kilometer vom Fischerhaus in den Ort, freut sich auf einen gemütlichen Strandspaziergang – und kommt an wie eine Panade kurz vor dem Frittieren. Der Wind kommt hier nämlich nicht mal eben von der Seite, er kommt frontal vom Meer, nimmt den ganzen breiten Sandstrand als Anlauf und verteilt ihn großzügig auf jedem, der so unvorsichtig war, sich ihm direkt auszusetzen.

Das nennt sich, für alle, die es genauer wissen wollen, auflandiger Wind. Klingt harmlos, ist es aber nicht – weder für Menschen noch für Schiffe.
Für den Menschen: ein kostenloses Peeling
Der Effekt ist bekannt, aber unterschätzt: Ein breiter, trockener Sandstrand plus ordentlich Wind von See ergibt eine Art Naturkosmetikbehandlung, um die Du kein Spa je gebeten hast. Man spürt jedes einzelne Sandkorn, meistens an den Stellen, wo man es am wenigsten brauchen kann.
Der eigentliche Rat lautet: Sonnenbrille auf, Kapuze zu,ab an den Strand. Irgendwas ist ja immer.
Für die Schifffahrt: deutlich ernster
Was für den Spaziergänger ein Ärgernis ist, kann sich für ein Schiff zu einer echte Gefahrenlage entwickeln. Bei auflandigem Wind wird die ganze Küste zur Lee-Seite – der Wind drückt alles, was in seiner Reichweite ist, unaufhaltsam Richtung Land. Ein Boot, das zu nah unter Land gerät oder Maschinen- beziehungsweise Ankerprobleme bekommt, hat keine Möglichkeit mehr, sich einfach wegzudrehen. Es wird schlicht an die Küste gedrückt, ob es will oder nicht.

Dazu kommt: Auflandiger Wind baut vor flachen Küsten wie hier eine kurze, steile See auf – unangenehm, kräftezehrend, und bei kleineren Booten durchaus gefährlich. Häfen mit offener Mündung zum Meer bekommen die Brecher direkt in die Einfahrt, was Ein- und Auslaufen zur Geduldsprobe macht. Und ein Ankerplatz direkt vor einer solchen Küste ist im Grunde kein Ankerplatz, sondern eine Einladung zum Stranden.

Die Fischer hier wussten das natürlich schon lange, bevor es Wetter-Apps gab. Sie haben einfach nicht rausgefahren, wenn der Wind so stand.

Zwischen Fossilienjägern, Meridian-Touristen und panierten Spaziergängern hat der Ort also einiges zu bieten – man muss nur den Wind möglichst im Rücken haben, nicht im Gesicht.
Ich bin gespannt auf die nächsten drei Tage.