Wann ist ein Politiker zu alt? Roosevelt, Lenin und die Frage der Amtsfähigkeit

Meine Tochter macht nächstes Jahr Abitur. Da kann ich ihr in Geschichte ein wenig helfen. Wir reden über den ersten Weltkrieg und die russische Revolution, ich habe mich gefragt, kann man Geschichte auch neurologisch sehen? Die Antworten haben mich sehr erstaunt.

Eine feste Altersgrenze für Politiker gibt es in Deutschland nicht. Für viele klingt das vernünftig, bis ein Spitzenpolitiker sichtbar abbaut und sich alle fragen: Wer bemerkt es eigentlich als Erster, und wer traut sich, es auszusprechen? Die Geschichte kennt dafür eindrucksvolle Beispiele. Zwei davon möchte ich heute genauer betrachten: Franklin D. Roosevelt und Wladimir Iljitsch Lenin.

Roosevelt: Der kranke Mann von Jalta?

Im Januar 1945 reiste der US-Präsident rund 14.000 Meilen zur Konferenz von Jalta, um mit Churchill und Stalin über die Nachkriegsordnung zu verhandeln. Wie schlecht es ihm ging, wusste die Öffentlichkeit nicht. Schon im März 1944 hatte der Kardiologe Howard Bruenn bei dem damals 62-Jährigen Bluthochdruck, eine eingeschränkte Lungenfunktion und eine akute Herzinsuffizienz festgestellt. Roosevelt arbeitete danach nur noch wenige Stunden am Tag. Der Bostoner Chirurg Frank Lahey soll im Juli 1944 die Einschätzung geäußert haben, dass Roosevelt eine weitere volle Amtszeit wohl nicht überleben würde.

Trotzdem trat Roosevelt im November 1944 zum vierten Mal an und gewann. Die Schwere seiner Erkrankung wurde verschwiegen, auch von seinem langjährigen Leibarzt. Erst 1970 räumte Bruenn öffentlich ein, wie unkontrolliert der Blutdruck gewesen war. Am 12. April 1945, 82 Tage nach Beginn der vierten Amtszeit, starb Roosevelt an einer Hirnblutung.

Die eigentliche Streitfrage lautet: Hat die Krankheit seine Verhandlungen in Jalta beeinträchtigt? Kritiker, darunter Churchills Leibarzt Lord Moran, beschrieben einen passiven, abwesend wirkenden Präsidenten. Daraus wurde das Bild vom „kranken Mann von Jalta“, der Osteuropa an Stalin verloren habe. Dagegen steht Bruenn selbst, der Roosevelts Gedächtnis für aktuelle und zurückliegende Ereignisse als gut beschrieb. Der Historiker James MacGregor Burns sieht in Roosevelt einen Realisten, der an die Grenzen seiner Verhandlungsmacht gestoßen war, denn die Rote Armee stand ohnehin längst in Osteuropa. Der Psychiater Hans Förstl vermutet eine leichte kognitive Störung. Belegt ist sie nicht. Sicher ist nur: Roosevelt war schwer herzkrank, erschöpft und wurde von seinem Umfeld abgeschirmt.

Lenin: Ein Testament, das nicht in Kraft treten durfte

Bei Lenin liegt der Fall anders, hier war der Ausfall unübersehbar. Im Mai 1922 erlitt er seinen ersten Schlaganfall, verlor zeitweise die Sprache und war auf der rechten Seite gelähmt. Im März 1923 folgte der dritte Schlaganfall, danach war er bettlägerig und konnte nicht mehr sprechen. Am 21. Januar 1924 starb er. Förstl diagnostiziert im Rückblick eine vaskuläre Demenz.

In der Zwischenzeit diktierte Lenin sein sogenanntes Testament, den „Brief an den Parteitag“. Er bewertete darin führende Genossen und regte an, Stalin als Generalsekretär abzulösen. Ausgerechnet Stalin übertrug das Politbüro im Dezember 1922 die Kontrolle darüber, wer Zugang zum kranken Lenin hatte. Lenins Frau Krupskaja hielt Teile des Textes zurück, weil sie auf Genesung hoffte. Nach seinem Tod bekam das Testament nur eine begrenzte Verbreitung, auch weil es andere Parteigrößen ebenfalls kritisierte. Stalin blieb im Amt. Die vollständige Veröffentlichung folgte erst 1926 in der New York Times.

Politisch wurde sogar die Krankheit selbst zum Argument: Das Zentralkomitee soll erklärt haben, Lenin sei in seinen letzten Jahren geistig krank gewesen, seine Urteile seien daher nicht verlässlich. Dieses Argument war bequem, denn der Text schadete Stalin am meisten. Teile der Forschung bezweifeln sogar die Echtheit des Nachtrags vom 4. Januar 1923, das ist aber eine Minderheitsposition.

Was beide verbindet

Beide Fälle zeigen, dass sich die Krankheit hinter dem Amt verstecken lässt. Bei Roosevelt schirmten ihn ein vertrauter Arzt und der Wille, den Krieg zu Ende zu führen, vor der Öffentlichkeit ab. Bei Lenin nutzte ein Machtapparat die Schwäche für seine Zwecke. Gemeinsam ist beiden: Die Kontrolle lag bei Menschen, die ein Interesse an der Fortsetzung des Status quo hatten.

Auf diesem Blog geht es oft um Schlaganfall und Rehabilitation. Lenins Fall erinnert daran, wie tief ein Schlaganfall in ein Leben und in ein Amt eingreifen kann. Er zeigt aber auch, wie schnell aus einem Gesundheitsproblem ein politisches Machtinstrument wird.

Weitere Fälle in aller Kürze

  • Woodrow Wilson (USA): Nach einem schweren Schlaganfall 1919 blieb er bis 1921 im Amt, seine Frau Edith übernahm einen Teil der Geschäfte. Erst 1967 regelte ein Verfassungszusatz, wann ein Vizepräsident übernimmt.
  • Habib Bourguiba (Tunesien): Sein Verhalten wurde ab den späten 1970er-Jahren erratisch und paranoid. 1987 erklärten ihn sieben Ärzte für unfähig, und Ministerpräsident Ben Ali setzte ihn ab. Ein seltenes Beispiel, in dem ein Verfahren tatsächlich griff.
  • Abdelaziz Bouteflika (Algerien): Er regierte nach einem Schlaganfall aus dem Rollstuhl und zeigte sich kaum noch öffentlich. Die Ankündigung einer fünften Amtszeit löste 2019 Massenproteste aus.
  • Heinrich Lübke (Deutschland): Förstl bescheinigt ihm eine beginnende Demenz ab 1965. Medien und Gegner machten ihn zur Witzfigur.
  • Ronald Reagan (USA): Die Alzheimer-Erkrankung wurde erst nach der Amtszeit diagnostiziert. Ob sich erste Anzeichen schon in den letzten Amtsjahren zeigten, ist umstritten.

Alle diese Diagnosen wurden im Nachhinein gestellt und sind damit unsicher. Förstl selbst warnt vor voreiligen Schlüssen.

Was die Forschung sagt

Eine feste Altersgrenze lässt sich wissenschaftlich kaum begründen. Der kognitive Abbau verläuft von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Ein Fachbeitrag in Politics and the Life Sciences (2024) plädiert deshalb für Kognitionstests, vor allem für Kandidaten. Die Autoren fordern ausführliche Untersuchungen statt bloßer Screenings, die sechs Bereiche abdecken: Lernen und Gedächtnis, Exekutivfunktionen, Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Motorik, Sprache sowie soziale Kognition. Die Ergebnisse sollen veröffentlicht werden. Eine Übersichtsarbeit in Dementia and Geriatric Cognitive Disorders stellt fest, dass das Durchschnittsalter politischer Führungspersonen in den letzten drei Jahrzehnten in den meisten Weltregionen nicht deutlich gestiegen ist. Besonders lange Amtszeiten erhöhen aber offenbar das Risiko altersbedingter Probleme.

Befürworter von Tests verweisen auf die Tragweite politischer Entscheidungen. Kritiker warnen vor Altersdiskriminierung, vor dem politischen Missbrauch solcher Tests und davor, die Erfahrung älterer Politiker zu unterschätzen. Viele halten es für die demokratischste Lösung, dass Wählerinnen und Wähler selbst entscheiden.

Und wie alt ist der Bundestag?

Das Durchschnittsalter der Abgeordneten im 21. Bundestag liegt bei rund 47 Jahren. Nach dem Datenhandbuch des Bundestags waren es in der 14. Wahlperiode (1998 bis 2002) 49,9 Jahre und in der 19. Wahlperiode (2017 bis 2021) 49,4 Jahre. Das Parlament ist im Schnitt also nicht auffällig alt. Die Debatte um Altersgrenzen betrifft hierzulande eher einzelne Spitzenämter als die Breite der Abgeordneten. Das ist meine Einordnung der Zahlen.

AltersgruppeAnteil der Abgeordneten im 21. Bundestag
unter 30 Jahre5,1 %
30 bis 39 Jahre22,7 %
40 bis 49 Jahre28,1 %
50 bis 59 Jahre29,5 %
60 bis 69 Jahre13,3 %
70 Jahre und älterrund 1,3 % (rechnerischer Rest)
Quelle: Statista, Altersstruktur der Abgeordneten im 21. Deutschen Bundestag. Der Wert für 70 und älter ist die Differenz zu 100 %.

Mein Fazit

Nicht das Geburtsjahr entscheidet, sondern die tatsächliche Leistungsfähigkeit. Die Fälle Roosevelt und Lenin zeigen aber, dass diese Leistungsfähigkeit oft von denen beurteilt wird, die vom Weiterregieren profitieren. Wer ein Amt mit großer Verantwortung innehat, sollte deshalb Mechanismen akzeptieren, die unabhängig geprüft werden können. Das ist keine Schwäche des Amtsinhabers , sondern Verantwortung. Wie seht ihr das? Schreibt es gern in die Kommentare.

Quellen

  • Förstl, H.: Beitrag zu Demenz bei Staatsoberhäuptern, Deutsche Medizinische Wochenschrift 2018; 143(25)
  • Bruenn, H. G.: Beitrag zu Roosevelts Gesundheit, Annals of Internal Medicine,
  • Encyclopaedia Britannica: Artikel „Lenin’s Testament“
  • Statista: Altersstruktur der Abgeordneten im 21. Deutschen Bundestag

Veröffentlicht von oschlenkert

männlich, 52 Jahre, verheiratet, 1 Kind, mitten im Leben ... und dann kam der Schlaganfall.

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