EPA Version 2.0 – endlich Nutzen in Sicht

Fast jährt sich mein Schlaganfall jetzt zum sechsten Mal. Ein halbes Jahr war ich in der Reha. Dort hatte ich viel Zeit. Ungefähr nach drei Monaten habe ich einen Beitrag formuliert, wie könnte eine digitale Schlaganfallreha im Jahr 2025 aussehen?

Die ePA (elektronische Patientenakte) war damals für mich wie für die meisten noch kein Thema. Heute gehört sie zentral dazu. Ich würde das Gedankenexperiment gerne noch einmal wiederholen.

Wie sehe meiner Meinung nach im Jahr 2030 eine ePA aus, die für alle Beteiligten einen echten Nutzen bedeutet?

Die elektronische Patientenakte (ePA) wird trotz ihrer Einführung (2025/2026) wenig genutzt, da sie zum einen mit hohen Einstiegshürden verbunden ist und zum anderen viele Ärzte sowie Patienten Datenschutzbedenken haben. Technische Mängel, fehlende Einbindung in den Praxisalltag und Unwissenheit führen zu einer sehr geringen aktiven Nutzung.

Pharmazeuten Zeitung


Vision 2030: Schlaganfallnachsorge mit einer reifen, nutzbringenden ePA

Ich bediene mich dabei dem Persona Konzept, welches in der Softwareentwicklung eine erhebliche Rolle spielt.

Das Persona-Konzept in der Softwareentwicklung ist eine Methode, fiktive, datenbasierte Profile (Personas) zu erstellen, die typische Nutzergruppen repräsentieren. Sie vermenschlichen Zielgruppen durch Namen, Ziele, Verhaltensweisen und Bedürfnisse, um das Entwicklungsteam zu befähigen, nutzerzentrierte Entscheidungen zu treffen, Empathie aufzubauen und die Usability zu steigern.

Besonders wertvoll in der agilen Entwicklung, beim User-Centered Design (UCD) und UI/UX-Design.

t2informatik

Der Patient, Herr S., 52, sitzt in der Reha nach einem Schlaganfall im Büro der Oberärztin zum Abschlußgespräch. Die Ärztin öffnet nicht mehr mehrere Systeme, sondern ein einziges Dashboard, das automatisch aus seiner ePA generiert wurde.

  • Die ePA hat den gesamten Verlauf des Akutereignisses und der anschließenden Rehabilitation bereits strukturiert erfasst:
  • Bildgebung
  • Labor
  • Thrombolyse-/Thrombektomiezeiten
  • Ergebnisse und Empfehlungen Ergo-, Physio- und Logopädie
  • Die Ärztin ergänzt nur noch wenige Freitextfelder. Der Rest ist automatisch standardisiert.

Beim Klick auf „Entlassung“ erstellt die ePA:

  • einen strukturierten Arztbrief,
  • einen Reha- Nachsorge Plan,
  • eine Medikationsliste,
  • einen digitalen Nachsorgepfad,
  • und übergibt alles an Hausarzt, Neurologe, Reha, Pflege — ohne Papier, ohne Faxübertragung, ohne PDF, ohne Medienbrüche.

Herr S. sieht gleichzeitig auf seinem Tablet eine verständliche Zusammenfassung:
„Was ist passiert? Was bedeutet das? Was kommt jetzt auf mich zu?“


Die ePA als Navigationssystem der Nachsorge

1. Automatischer Nachsorgepfad

Die ePA erkennt:
„Ischämischer Schlaganfall, moderates Risiko, Hypertonie.“

Sie aktiviert automatisch einen evidenzbasierten 12‑Monats-Nachsorgepfad, der folgende Module enthält:

  • Blutdruck- und Blutzuckerkontrolle
  • Sekundärprävention (Statine, Thrombozytenaggregationshemmung)
  • Physiotherapie, Logopädie, Ergotherapie
  • Neuropsychologische Diagnostik
  • Telemedizinische Visiten
  • Angehörigenberatung

Jede beteiligte Stelle außer Herrn S. sieht lediglich ihren Abschnitt — nicht mehr, nicht weniger.


2. Home Monitoring, ein zentrales Cockpit, das wirklich funktioniert

Herr S. bekommt von seiner Krankenkasse ein kleines Hardware Set:

  • Blutdruckmessgerät
  • Schrittzähler / Wearable
  • Tablettenspender mit Erinnerungsfunktion

Alle Geräte sind plug-and-play mit der ePA verbunden.

Die ePA erkennt Muster:

  • „Blutdruck morgens zu hoch“
  • „Medikamenteneinnahme durch Herrn S. unregelmäßig“
  • „Schrittzahl sinkt seit 5 Tagen“

Sie schlägt Maßnahmen vor — nicht bevormundend, sondern unterstützend.


3. KI-gestützte Risikoanalyse

Die ePA analysiert kontinuierlich:

  • Vitaldaten
  • Medikationseinnahme
  • Laborwerte
  • Reha-Fortschritte
  • Sprache (über Logopädie-Tools)
  • Motorik (über Wearables)

Wenn ein Risiko steigt, erhält der Hausarzt eine Meldung:

„Erhöhtes Rezidivrisiko: Trendanalyse zeigt Blutdruckanstieg + reduzierte Aktivität. Bitte Kontaktaufnahme.“

Die Meldung ist erklärbar und mit grafischen Werten hinterlegt:
„Die letzten 14 Tage zeigen X, Y, Z. Bitte um Kontaktaufnahme (dies meint nicht unbedingt ein Telefonat sondern z.b. über eine integrierte Chatfunktion.“


4. Interprofessionelle Zusammenarbeit ohne Reibung

Therapeuten, Hausarzt, Neurologe, Pflege, Angehörige — alle arbeiten im selben Datenraum, aber mit unterschiedlichen Rechten.

  • Die Physiotherapeutin sieht motorische Scores und kann Fortschritte dokumentieren. Dabei gilt, ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Kleine Videos entstehen und werden in der ePA abgelegt.
  • Der Neurologe sieht Bildgebung, Labor, Verlauf.
  • Der Hausarzt sieht alles Relevante für die Sekundärprävention.
  • Angehörige sehen nur das, was Herr S. freigibt.

Keine Doppeluntersuchungen. Keine verlorenen Befunde. Das Volumen der Akte wächst an. Niemand kann dass alles lesen.

KI stellt den unterschiedlichen Professionen Neuigkeiten über die Entwicklung des Patienten in kurzen Zusammenfassungen zur Verfügung: „Was muss ich vor meiner heutigen Behandlung wissen?“


5. Die ePA aus der Sicht des nicht überforderten Patienten

Die ePA erklärt Herrn S. in verständlicher Alltagssprache:

  • „Warum ist der richtig eingestellte Blutdruck wichtig?“
  • „Was bedeutet Ihr LDL-Wert?“
  • „Welche konkreten Übungen helfen Ihnen heute?“

Sie zeigt Fortschritte visuell:

  • Gehstrecke
  • Feinmotorik
  • Sprachtempo
  • Stimmung

Herr S. sieht: „Ich werde besser. Das zeigt diese Grafik deutlich an.“ Das motiviert ihn besonders.


6. Sicherheit, die bei allen Vertrauen schafft

  • Jeder Zugriff in der ePA wird protokolliert.
  • Herr S. bekommt monatlich eine Übersicht:
    „Diese Personen haben Ihre Daten eingesehen.“
  • Freigaben sind einfach handhabbar:
    „Neurologe darf alles sehen für 12 Monate.“
  • Die ePA erkennt ungewöhnliche Zugriffe und warnt.

7. Forschung und Versorgung verschmelzen

Mit Einwilligung fließen anonymisierte Daten in Register:

  • Welche Therapien wirken besonders gut?
  • Welche Patientengruppen profitieren von Tele-Reha?
  • Herr S. ist durch die Weitergabe prinzipiell nicht identifizierbar, dies gilt besonders bei pseudonymisierten Daten.

Die ePA wird so zu einem lernenden System, das die allgemeine Versorgung verbessert.


Schlussszene: 12 Monate später

Herr S. sitzt beim Hausarzt. Die ePA zeigt:

  • Blutdruck stabil
  • LDL im Zielbereich
  • Gehstrecke +40 %
  • Keine neuen neurologischen Ausfälle
  • Hoher Therapieerfolg mit den gemeinsam mit den Behandlern vereinbarten Empfehlungen

Der Arzt sagt:
„Sie haben eine niedrige Wahrscheinlichkeit für einen zweiten Schlaganfall. Weiter so.“

Herr S. lächelt.
Er hat nicht nur den Anfall überlebt — er hat Kontrolle über sein Leben zurückgewonnen. Letztendlich kann Herr S. seinen Job wiederaufnehmen. Zuerst sah es eher nach Erwerbsminderungsrente aus. Das wäre mit 15 Jahren bis zur Rente mit erheblichen Kosten verbunden.

Die volkswirtschaftlichen Kosten wurden unter anderem durch die intelligente Patientenakte erheblich reduziert.

Welche Ideen für die ePA 2.0 hast du?


Foto von cottonbro studio: https://www.pexels.com/de-de/foto/mann-in-der-schwarzweiss-jacke-und-in-den-braunen-hosen-die-schwarze-dslr-kamera-halten-5416235/

Veröffentlicht von oschlenkert

männlich, 52 Jahre, verheiratet, 1 Kind, mitten im Leben ... und dann kam der Schlaganfall.

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