Kintsugi oder die Kunst der Zerbrechlichkeit

Ich kenne die Schale praktisch schon mein Leben lang. Schon auf frühen Super8 Filmen meiner Jugend ist sie zu sehen. Mein Vater hatte sie 1963 auf seiner Reise nach Bombay auf einem örtlichen Markt erworben.

Das besondere, ihr Fuß mit den drei Armen ist aus einem Stück Holz gefertigt. Das erfordert eine hohe Handwerkskunst und wäre heute nicht mehr bezahlbar.

Irgendwann in den frühen achtzigern ist sie dann runtergefallen. Prompt ist eine Ecke abgesprungen. In unserem Kulturkreis werden solche Dinge dann häufig einfach weggeworfen.

In der japanischen Kultur verfährt man etwas anders damit und schenkt ihnen ein zweites Leben.

Das Zauberwort heißt hier Kintsugi.

Kintsugi (japanisch 金継ぎ „Goldverbindung, -flicken“) oder seltener Kintsukuroi (金繕い, „Goldreparatur“)[1] ist eine traditionelle japanische Reparaturmethode für Keramik. Keramik- oder Porzellanbruchstücke werden mit Urushi-Lack geklebt, fehlende Scherben werden mit einer in mehreren Schichten aufgetragenen Urushi-Kittmasse ergänzt, in die feinstes Pulvergold oder andere Metalle wie Silber und Platin[1] eingestreut werden.

Wikipedia

Dieses Konzept lässt sich auch auf Menschen übertragen. Schlagt dafür einfach einmal das Stichwort Kintsugi auf Amazon nach.

Was wäre, wenn wir die Narben, die das Leben uns zugefügt hat, nicht mehr verstecken müssten? Wenn unsere Verletzlichkeit keine Schwäche mehr darstellt, sondern eine Chance auf Wachstum und ein Zeichen innerer Stärke? Kintsugi ist die alte japanische Kunst, zu reparieren, was zerbrochen ist. Meister dieses Handwerks verfügen über die Fertigkeit, aus Scherben mithilfe von Goldpuder Kunstwerke zu schaffen, die noch kostbarer sind als die ursprünglichen Gegenstände.

Kintsugi, die Kunst , schwierige Zeiten in Gold zu verwandeln

Nach meinem Schlaganfall bin ich dankbar, dass mein Vater die Schale nicht einfach entsorgt hat und sie so lange kaputt aber vollständig überleben konnte. Ich habe die Scherbe jetzt wieder eingeklebt und sie finde ihren neuen Platz in meinem Büro.

Die Schale und ich, wir passen gut zueinander. Nach meinem Schlaganfall ist Sie ist ein schönes Symbol für mich, welches die Schönheit und Zerbrechlichkeit des Lebens zeigt. Beide sind wir etwas angeknackst und mit einigen Naben versehen, stehen aber noch und wieder und sind bereit für neue Aufgaben.

Einen guten zweiten Advent wünscht

euch Olaf

Veröffentlicht von oschlenkert

männlich, 52 Jahre, verheiratet, 1 Kind, mitten im Leben ... und dann kam der Schlaganfall.

7 Kommentare zu „Kintsugi oder die Kunst der Zerbrechlichkeit

  1. Sehr schön geschrieben und ein wunderbares Bild für die Zerbrechlichkeit, die uns allen gilt. Auf eine andere Art und Weise trifft Zerbrechlichkeit auch auf mich, da mich eine Muskelkrankheit befallen hat. Sie macht den Alltag extrem mühevoll und ist einschränkend. Aber ich halte gegen 🙂 Einen schönen zweiten Advent wünsche ich Dir aus Malaysia.

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  2. Kintsugi ins eigene Leben zu integrieren, das ist wirklich ein lohnendes Thema, das einen Anstoß geben kann, die eigene Sichtweise/Geisteshaltung zu überprüfen, zu ändern und den Weg frei zu machen, zu persönlichem Wachstum und mentaler Stärke.

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      1. Das Buch kenne ich gar nicht. Es gibt auf youtube einige Videos zu dem Thema, eines davon hat mich inspiriert, Kintsugi in mein Mindset aufzunehmen. Falls du dir das Buch zulegst, wäre es schön, wenn du in deinen Posts ein wenig darüber berichten würdest. 🙂

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  3. Kintsugi ist eine fantastische Kunst, die uns zeigt, was man aus Altem und Zerbrochenem noch Schönes machen kann. Das nicht einfach wegzuschmeissen ist ganz aktuell. Danke für den Artikel! LG Ulrike

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