Sie hätte das geliebt

Gestern waren wir in Verona. Aida in der Arena di Verona. Der Abend war laut dem Stadienlautsprecher Maria Callas gewidmet. Sie hatte genau am 2. August 1947 ihren ersten größeren Auftritt und wäre in diesem Jahr einhundert Jahre alt geworden.

Ich habe den Abend still einer anderen Person gewidmet.

Meine Mutter war eine sehr lebenslustige Frau. Vielseitig interessiert und immer motiviert. Nach der Ausbildung als technische Zeichnerin in Kiel ging sie zu ihrem Mann nach Wilhelmshaven.

In ihrem mittleren Alter wurden keine technischen Zeichner mehr gesucht. Meine Mutter stürzte sich mit Anfang vierzig in ein neues Abenteuer, ihrer Umschulung zur Bürofachkraft.

Privat zog sie uns beide Kinder groß. Und ging mit ihrer Freundin Gundi und den anderen Mädels des Kegelclubs auf Weltenddeckungen. Ein Aufenthalt in Verona mit Besuch der Arena, das hätte ihr sicher gefallen.

In den letzten Jahren hatte sie weniger Glück. Mehrere missglückte Operationen an der Halswirbelsäule machten sie zu einem Pflegefall.

Das Schlimmste war jedoch die Demenz. Die machte sie zu einem anderen Menschen. Zum Schluss sprach sie nicht mehr, konnte niemanden mehr erkennen, nicht selbstständig schlucken. Bewegungslos war sie ans Bett gefesselt.

Daher fand der Abschied von ihr für mich viel früher statt. In der Zeit vor dem Pflegeheim wurde sie von meinem Vater betreut. Das brachte ihn im Laufe der Zeit um seine Kräfte. Ein Urlaub musste her. In dieser Zeit habe ich meine Mutter eine Woche betreut. Ich erinnere mich immer noch an einen Nachmittag.

Sie hatte einen besonders wachen Moment. Eine Stunde haben wir über Spotify ihre Lieder aus den fünfziger Jahren gehört. Danach war die Konzentration erschöpft.

Diese Entscheidung der Verhinderungspflege und die damit verbrachte Zeit mit meiner Mutter zählt zu den besten meines Lebens.

Am 02. August 2022 durfte meine Mutter gehen.

Veröffentlicht von oschlenkert

männlich, 52 Jahre, verheiratet, 1 Kind, mitten im Leben ... und dann kam der Schlaganfall.

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